Arbeitsreitweisen Südeuropas

    Aus Pferde-Lexikon

    Entwicklung

    Rinderarbeit in Europa

    Die Arbeitsreitweisen Europas stellen nicht nur die Vorläufer aller akademischen Reitkunst dar. Einige von ihnen werden seit Jahrhunderten praktisch unverändert weitergegeben. Ihre Basis sind das Verhalten des Pferdes in der Herde, seine natürlichen Bewegungsabläufen und die jeweilige Aufgabe, die es zu bewältigen gilt.

    Nur mit einem zuverlässig, selbstständig arbeitenden Pferd konnten die aggressiven schwarzen Stiere der Camargue und der iberischen Halbinsel gehütet, getrieben und schließlich auf die traditionellen Spiele - den Cours camarguais in Südfrankreich, die Corrida in Spanien - vorbereitet werden.

    Dabei spielte nicht nur die lebensnotwendige Versorgung mit Rindfleisch eine Rolle für die Entwicklung der traditionellen südeuropäischen Reitkunst, sondern auch (oder vor allem) die mythologische Bedeutung des Stieres, der die ungezähmte, unkontrollierbare Kraft der Natur symbolisiert. Der Respekt vor seiner Stärke äußerte sich in religiösen Tötungsritualen, die den "ehrenvollen" Tod des Stieres sicherten. Mithilfe der kontrollierten, aber nicht weniger mythischen und beeindruckenden Kraft des Pferds gelang es nun, die unbezähmbare Natur für sich zu nutzen und in Stierkämpfen zu besiegen. Auch die Auseinandersetzung zwischen dem weißen Pferd (die ausschließliche Farbe der Camarguais und vorrangige Farbe der P.R.E.s und Lusitanos) und dem schwarzen Stier wurde zelebriert.

    Die Ausbildung der Stierpferde

    Der Alltag der Rinderhüter war kaum glamourös, die Ausbildung ihrer Pferde jedoch nicht weniger komplex. Da die Rinder durchaus auch auf der Weide attackieren konnten, musste der Reiter sich in jedem Moment des Gehorsams und der Wendigkeit seines Reittiers sicher sein. Dazu benötigte er ein hochgradig versammeltes Pferd, das rasche Wendungen und Sprints auf geringe Hilfen durchführen konnte und seine Aufgaben gut genug kannte, um sie antizipieren zu können.

    Die Ausbildung des Stierpferds musste daher auf das Erlangen eines perfekten Gleichgewichts abgestimmt sein. Um dieses zu erreichen, wurden alle heute als "klassisch" bezeichneten Lektionen gelehrt: Schulterherein, Travers, Renvers und Traversalen sowie Galopppirouetten; dazu kamen die temporeichen Vaquerawendungen, das Stoppen aus schnellem Galopp und das Anspringen im Galopp aus dem Stand. Nur wenn diese Lektionen sicher saßen, konnten Reiter und Pferd den spitzen Hörnern der Rinder rasch genug ausweichen.

    Die Garrocha

    Als weitere Erschwernis kam hinzu, dass der Reiter in den Herden stets einen mehrere Meter langen Holzstab mit Metallspitze mit sich führte. Mit dem Trident bzw. in Spanien der Garrocha wurden die Rinder auf Abstand gehalten und umgeworfen, um sie z.B. brennen zu können. Um den Stab wirkungsvoll einsetzen zu können, mussten die Gardians und Vaqueros beide Hände frei haben - sie befestigten die Zügel deshalb einfach am Gürtel und lenkten und verlangsamten ihre Pferde fortan mit den Schenkeln und durch die Verlagerung des Oberkörpers.

    Die italienischen Butteri

    Lediglich die Reitweise der Butteri, Viehhirten der Maremma, den Sümpfen am Rande der Toskana, gedieh nie zu solcher Feinheit. Dies lag zum einen am in Italien zu findenden Pferdetyp - den schweren, großen Maremmanos, die deutlich weniger natürliche Versammlung anbieten als ihre iberischen Verwandten - zum anderen an den nur bedingt aggressiven großen Langhornrindern. Auch die Butteri ritten mit einem Hirtenstock. Dieser "Uncino" war mit gut zwei Metern Länge jedoch deutlich kürzer als die spanische Garrocha.

    Die Ausrüstung

    Der Vaquero- und der Camarguesattel

    Alle Ausrüstungsgegenstände der südeuropäischen Arbeitsreitweisen sind gleichermaßen pragmatisch und unverwüstlich. Der südfranzösische Selle camarguais bietet ebenso wie die Silla vaquera und der portugiesische Stierkampfsattel (Portuguesa) dem Reiter einen beinahe unverrückbaren Sitz, sodass er auch in schnellen Wendungen und Stopps nicht das Gleichgewicht verlieren kann. Um dies zu gewährleisten, wurden vor allem Camarguesättel nach den exakten Maßen des Reiters angefertigt; dieser konnte in seinem Sattel dank der relativ einheitlichen Rückenlinie der Ponys auf allen seiner Tiere reiten. Alle Arbeitssättel werden grundsätzlich mit Schweifriemen versehen, um ihre sichere Lage zu gewährleisten, und nach Bedarf mit einem Vorderzeug.

    Kappzaum und Gebiss

    Die Grundprinzipien der Zäumung der verschiedenen Arbeitsreitweisen ähneln sich stark. Es existiert eine Version des Kappzaums - in Frankreich das Caveçon, in Spanien die Serreta - sowie schlichte Stangengebisse mit mittlerer bis hoher Zungenfreiheit. Die Arbeitskopfstücke sind schlicht; typisch für den Vaquerozaum ist das Fehlen eines Kehlriemens und die langen Lederfransen, die mittig am Stirnriemen angebracht sind. Diese Frontaleras ersetzen als Fliegenschutz den häufig abgeschorenen Schopf. Darüber hinaus zeigt ihr gleichmäßiges Schwingen in Prüfungen aber auch die Taktreinheit der Grundgangarten an.

    Zur Ausrüstung des Camarguepferds gehört zudem ein stehendes Martingal, das das Kopfschlagen verhindern soll und in den Kinnriemen des Caveçons eingeschnallt wird, sowie das Mitführen des Seden, eines aus Pferdehaar gedrehten "Lassos".

    Ausrüstung der Butteri

    Die italienischen Butteri reiten auf den exotisch aussehenden Maremma-Sätteln, die durch dicke Lederauflagen auf einem Holzbaum auffallen. Sie sind als Bocksättel konstruiert, d.h. der Sitz ist im Baum aufgehängt; dadurch wird die Belüftung und Entlastung der Wirbelsäule des Pferds gewährleistet; der Reiter sitzt jedoch sehr weit vom Pferd entfernt. Angeritten werden die Dreijährigen mit dem "Capezza da doma". Diese gebisslose Zäumung besteht aus einem Riemensystem, das unter dem Pferdekinn gekreuzt wird und bei Zügelanzug den Nasenriemen zusammenzieht. Später wird auf ein Stangengebiss umgestellt. Auch die Butteri führen traditionell eine lange Holzstange zum Treiben der Herde mit sich.

    Die Pferdeausbildung

    Ausbildung an der Hand

    Ein großer Teil der traditionellen Ausbildung des Stierpferds findet vom Boden aus statt. Das Jungpferd wird - frühestens ab einem Alter von drei, oft auch erst vier Jahren - in einem gemauerten oder mit massivem Zaun umgebenen Longierzirkel anlongiert. Dabei soll es nicht die drei Grundgangarten taktmäßig und ausbalanciert trainieren, sondern bereits auf die Versammlung unter dem Reiter vorbereitet werden. Dies geschieht durch schnelle Stopps und Wendungen und eine deutliche Innenstellung des Pferds bei gleichzeitigem Treiben, sodass die Hinterhand weiter unter den Körper tritt. Zusätzlich werden an der Hand oft die Seitengänge - v.a. das Schulterherein - gelehrt. Durch korrektes Führenlassen wird die Beziehung zum Reiter sowie der Grundgehorsam gefestigt.

    Ausbildung unter dem Sattel

    Angeritten wird das Jungpferd traditionell, indem es zunächst lediglich mit dem Reitergewicht die gewohnten Übungen an der Longe durchführt. So soll es seine natürliche Balance wiederfinden.

    Die eigentliche Ausbildung unter dem Sattel findet heute v.a. in der Reitbahn statt; längere Geländeritte zählen aber ebenso dazu, um die Trittsicherheit und Nervenstärke des Pferds zu schulen. Neben klassischen Dressurlektionen wie Schulterherein und Travers werden spezielle Stierkampfelemente wie 180°-Drehungen um die Hinterhand trainiert. Während dieser Zeit gelangt das Pferd von der beidhändigen Führung über den Kappzaum über eine Zwischenphase, in der mit Kappzaum und Stangengebiss geritten wird, schließlich zur Perfektion: Alle Lektionen werden auf blanke Kandare gezeigt, wobei der Reiter die Zügel nur noch mit einer Hand führt.

    Turniere

    Der Stierhüter reitet nicht, um sich zu zeigen und Preise zu gewinnen. Dennoch gibt es in den Ursprungsländern - und inzwischen auch, durch die Interessengemeinschaften veranstaltet, in Deutschland - Wettbewerbe, bei denen die Ausbildung, der Mut und die Schnelligkeit der Stierpferde verglichen werden. Bei Doma-Vaquera-Turnieren wird dabei meist eine festgelegte Aufgabenfolge geritten. Die Turniere der Gardians haben verschiedene Teilprüfungen, die vor allem die "manuabilité", Wendigkeit und Gehorsam der Camargue-Pferde testen.

    Doma Classica

    Die "zweite" iberische Reitweise neben der Doma Vaquera, der Schule der Vaqueros, ist die Doma Classica: die klassische Dressur. Die Elemente und Lektionen stimmen teilweise mit den Wettbewerbsaufgaben der Doma Vaquera überein und sind praktisch identisch mit denen der englischen Dressur. Lediglich auf verstärkte Gangarten wie Mitteltrab und starken Trab wird weniger Wert gelegt, da diese aus anatomischen Gründen den iberischen Pferden schwerer fallen. Auch die absolute Exaktheit der Ausführung der Lektionen - v.a. die genaue Positionierung von Wechseln und Übergängen an den Bahnpunkten - besitzt nur relative Bedeutung. Wichtiger sind dagegen die Ausstrahlung und der Esprit eines Reiter-Pferd-Paares.



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