Der Tierarztbesuch

    Aus Pferde-Lexikon

    Vorbereitung des Tierarzttermins

    Viele Erkrankungen lassen sich durch pferdegerechte Haltung, Fütterung und Nutzung vermeiden. Dennoch wird kein Pferdehalter ganz ohne tierärztliche Hilfe auskommen; spätestens, wenn die jährlichen Impfungen vorgenommen werden müssen, ist man auf den Veterinärmediziner angewiesen. Um dem Tierarzt eine schnelle und unkomplizierte Behandlung und Versorgung der Tiere zu ermöglichen, sollte der Pferdebesitzer die nötigen Voraussetzungen schaffen.

    Impftermine

    Grundsätzlich gilt, dass der Tierarzt - außer in Notfällen - rechtzeitig vor einem Verfall des gültigen Impfschutzes oder vor einer vorzunehmenden Untersuchung angerufen wird. Gerade lange geplante Ereignisse wie Turnierbesuche oder Auslandsreisen, für die ein Attest benötigt wird, sollten dem Tierarzt mindestens zwei Wochen im Voraus mitgeteilt werden.

    Akute Notfälle

    Eine Ausnahme stellen selbstverständlich akute Erkrankungen dar. Allerdings sollte man auch hier überdenken, ob die Situation wirklich so dramatisch ist, dass sie einen unmittelbaren Tierarztbesuch erfordert. Brüche, Sehnenrisse, tiefe Wunden oder Koliken rechtfertigen Anrufe beim Tierarzt auch nachts oder an Sonntagen. Wer seinen Tierarzt jedoch wegen jedes Hustens des Pferds oder einer leichten Lahmheit aus dem Bett klingelt, darf sich nicht wundern, wenn der Mediziner nur noch ungern zu den Visiten kommt. Rechtlich ist ein Tierarzt nämlich nicht wie ein Humanmediziner zum Patientenbesuch verpflichtet; nach der Ankunft im Stall darf er die Behandlung eines Pferds jedoch nicht ablehnen.

    Da am Telefon oft nicht zu entscheiden ist, ob wirklich ein Notfall vorliegt, wird der Tierarzt sich das kranke Pferd jedoch meist ansehen. Feste Termine verschieben sich durch diese unvorhersehbaren Zwischenfälle um bis zu einer Stunde - es sollte daher stets genügend Zeit für einen Tierarztbesuch eingeplant werden. Auf der anderen Seite ist es notwendig, selbst absolut pünktlich zu sein, um den Arzt nicht warten zu lassen.

    Der ideale Behandlungsort

    Ein weiterer Grund, der Tierärzte vor dem Besuch einiger Ställe zurückschrecken lässt, sind die unzumutbaren Arbeitsbedingungen. Man sollte dem Tierarzt die Versorgung des Pferds an einem ausreichend großen - damit man einem schlagenden oder steigenden Pferd ausweichen kann -, überdachten und windgeschützten Ort ermöglichen. Der Boden muss fest, trocken und eben, wenn möglich asphaltiert oder mit Steinen ausgelegt sein. Zeigt das Pferd Probleme im Bereich des Bewegungsapparats, sollte außerdem eine möglichst ebenfalls asphaltierte, mindestens 20 m lange, gerade Strecke zum Vortraben zur Verfügung stehen.

    Vorbereitung des Pferdes

    Das Pferd wird mit einem gut sitzenden, stabilen Halfter mit einem stabilen, ausreichend langen Führstrick ausgestattet; bei schwierigen Pferden kann zusätzlich die Trense oder ein Steigergebiss angelegt werden. Eine gute Erziehung - ruhiges Stehenbleiben, Hufe geben, das Zulassen von Berührungen am ganzen Körper - sollte jedes Pferd bereits im Fohlenalter erfahren haben. Die meisten Tierärzte bemühen sich auch bei schwierigen Pferden, diese fachgerecht zu versorgen; allerdings wird kein Tierarzt, der von einem Pferd bereits gebissen oder getreten wurde, diesen Patienten gerne noch einmal besuchen.

    Der Pferdebesitzer - oder die mit der Aufsicht beauftragte Person - sollte bei der Behandlung die ganze Zeit über vor Ort bleiben, über die Symptome des Tiers informiert sein und diese umfassend dem Tierarzt mitteilen. Darüber hinaus muss er in der Lage sein, das Pferd auch dann zu halten, wenn es unruhig wird; die Kenntnis spezieller Beruhigungstechniken und bestimmter Griffe, mit denen man Pferde zum Stehenbleiben zwingen kann, ist von Vorteil. Im Interesse der Sicherheit des Tierarztes konzentriert sich der Pferdehalter stets auf das Tier und lässt sich nicht durch andere Personen ablenken. Gleichzeitig ist die Anwesenheit eines pferdeerfahrenen und mit dem Pferd vertrauten Helfers oft nützlich.

    Die Untersuchung

    Lahmheiten

    Lahmheiten werden durch optische und haptische Untersuchung der Extremitäten lokalisiert sowie durch das Vorgehen- oder Vortrabenlassen des Pferds. Beim Vortraben sollte der Pferdeführer darauf achten, durch seine Position dem Tierarzt nicht den Blick auf das Pferd zu verdecken. Außerdem sollte das Pferd gelernt haben, problemlos an- und am durchhängenden Strick weiterzutraben. Ein Ziehen des Pferds führt in jedem Fall zu Gangunreinheiten.

    Bei Lahmheiten und Hufverletzungen kann zudem das Aufhalten des erkrankten oder die Ruhigstellung eines anderen Beins nötig sein. Vor allem bei beschlagenen Pferden empfiehlt sich hierfür unbedingt das Tragen von Handschuhen, um bösen Risswunden vorzubeugen, die durch die Spitzen der Hufnägel entstehen können, wenn das Pferd überraschend den Huf wegzieht.

    Koliken

    Koliken werden meist durch eine Rektaluntersuchung diagnostiziert bzw. durch Wegnahme des alten Kots behoben. Bei schlagenden Pferden sollten Strohballen o.Ä. parat stehen - geeignet ist auch eine niedrige Trennwand, an die man das Pferd rückwärts heranführt -, um den Tierarzt, der direkt hinter dem Pferd steht, vor Tritten zu schützen.

    Baldrian, Nasenbremse und Co.

    Die meisten Tierärzte besitzen Instrumente und einige Tipps, wie ein unruhiges Pferd gehalten werden kann. Mit Beruhigungsmitteln, die injiziert oder oral eingegeben werden können, kann nur gearbeitet werden, wenn weder andere Medikamente zur Anwendung kommen noch Schmerzreaktionen des Tiers - bspw. bei Lahmheiten - untersucht werden müssen. Sedativa werden fast immer bei Röntgen- und Ultraschalluntersuchungen sowie bei Zahnbehandlungen eingesetzt.

    Pflanzliche Mittel wie Baldrian, Bachblüten oder homöopathische Wirkstoffe entfalten ihre Wirkung oft erst nach mehrwöchiger Gabe; dann können durch sie jedoch durchaus positive Effekte erzielt werden.

    Die Nasenbremse ist ein mechanisches Hilfsmittel: Ein als Schlaufe an einem kurzen Holzstil befestigtes Seil wird um die Oberlippe des Pferds gelegt und mithilfe des Holzes zugedreht, bis es die Lippe einquetscht. Untersuchungen haben belegt, dass die Wirkung der Nasenbremse nicht auf der Ablenkung durch den hervorgerufenen Schmerz beruht, sondern dass bei der Stimulierung eines in der Oberlippe befindlichen Druckpunkts schmerzstillende und beruhigende Endorphine ausgeschüttet werden. Bei den meisten Pferden wirkt dieses Hilfsmittel äußerst zuverlässig und stellt einen wesentlich geringeren Stressfaktor dar, als er durch verbogene Spritzen oder weiter aufreißende Wunden hervorgerufen würde. Es gibt jedoch Pferde, bei denen sowohl Sedativa wie die Nasenbremse keinerlei bzw. aufputschende Wirkung besitzen.

    Gute Erfahrungen sind wichtig

    Die immer noch von einigen Tierärzten empfohlene "Ohrbremse", das feste Zusammendrücken oder Eindrehen der Ohrmuschel, wirkt einzig durch den Schmerzreiz und sollte daher unbedingt unterlassen werden. Auch das "sichere" Aufheben eines Hinterbeins, indem man den Schweif darum wickelt, wird von verantwortungsbewussten Tierärzten und -besitzern nicht mehr praktiziert, da es sogar zu Wirbelsäulenverletzungen im Bereich der Schweifwirbel kommen kann.



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