Domestikation und Zucht

    Aus Pferde-Lexikon

    Beutetier Pferd

    Das Pferd gilt heute als treuer Freund des Menschen - dabei ist die gemeinsame Geschichte zwar bewegt, aber relativ kurz. Über lange Zeit war die Beziehung Mensch-Pferd die von Jäger und Gejagtem.

    Dennoch war diese Stufe der gemeinsamen Geschichte unabdingbar für die folgende Domestikation: Die nomadisch lebenden Jäger folgten den Pferdeherden über weite Strecken. Sie waren darauf angewiesen, die Pferde nicht zu erschrecken, denn sie hätten eine flüchtende Herde nicht aufhalten oder verfolgen können. So lebten sie ruhig in einiger Entfernung der Pferde, beobachteten diese und studierten ihre Verhaltensweisen. Wo immer möglich, bemühten sie sich, deren Wanderungen zu besonders futterreichen Regionen zu lenken, damit "ihre" Herde stark und gesund blieb und sich vermehren konnte.

    Dennoch fürchtete der prähistorische Jäger stets, die Tiere aus den Augen zu verlieren. Ob die bunten Höhlenzeichnungen aus Lascaux, Labastide und Altamira lediglich Darstellungen des Lebensinhaltes dieser Jäger waren oder einen Jagdzauber darstellen sollten, ist umstritten. Auf jeden Fall zeigen sie detailgetreu kleine, falbfarbene Pferde, die deutliche Ähnlichkeit mit Przewalski-Pferden aufweisen.

    Die Zähmung des Pferdes

    Vor rund 5000 Jahren wurden zum ersten Mal Pferde nicht nur als reine Beutetiere und Fleischlieferanten gejagt, sondern eingefangen und gezähmt. Dies zeigt, wie unterschiedlich die einzelnen Equidenunterordnungen bereits damals gewesen sein müssen: Lässt sich das Przewalski-Pferd nicht zähmen und reiten, eignet sich der Tarpan durchaus dazu. Fast zeitgleich mit der Zähmung begann die Domestikation des Pferdes, die bereits durch selektive Zucht und systematische Kreuzung der einzelnen Pferdetypen vorangetrieben wurde.

    Die drei Urpferdetypen

    Die klare Trennung, teilweise sogar die Existenz der verschiedenen Urpferdetypen ist in der Wissenschaft umstritten. Die häufigste Auslegung unterscheidet drei Urtypen: das Urpony (auch Nordlandtyp), den Urvollblüter sowie den Ramskopftyp, die beide zu den Südlandpferden zählen.

    Der Urponytyp

    Der in der Steppe beheimatete Urponytyp ähnelte im Aussehen vermutlich stark dem Przewalski-Pferd, dem einzigen heute noch lebenden Wildpferd. Von kleiner, kompakter Statur, mit kantigem Schädel, kräftigen Ganaschen und einer ausgeprägten Ramsnase, entsprechen diese Pferde wenig den heute geltenden Ansprüchen an ein Reitpferd. Sie brachten Kaliber und Kraft in die domestizierten Rassen ein. Einige Kaltblutrassen, vor allem aber die nordosteuropäischen und skandinavischen Ponyrassen, wurden durch das Urpony geprägt. Typisch für diese Ponys sind geringe Größe und große Zähigkeit, aber auch ein ruhiges, ausgeglichenes Temperament.

    Die auf den Urponytyp zurückgehenden Rassen sind ausgesprochene Schritt- und Trabpferde, die selten einen versammelten, runden Galopp anbieten. Der schnelle Trab mit wenig Aufrichtung und Beizäumung begünstigte die Erfindung eines heute zentralen Ausbildungsgegenstandes: der Trense. Sie wurde rasch in allen nordischen Regionen üblich, da sie direkt auf die Laden bzw. Maulwinkel einwirkt und so auch bei sehr tief getragenem Kopf zum Einsatz kommen kann.

    Meist wurden die Pferde des Nordlandtyps als reine Gebrauchspferde für Streckenritte und darüber hinaus - wie heute noch in Island üblich - als Fleischlieferanten gezüchtet. So wurde auf zuverlässige, leichtfuttrige und robuste Pferde selektiert.

    Der Ramskopftyp

    Auf den prähistorischen Ramskopftyp dürften die iberischen Pferde, aber auch zahlreiche der osteuropäischen Rassen zurückgehen, wobei häufig eine zeitweilige Vermischung mit orientalischen Pferden stattfand. Gekennzeichnet ist dieser Typ durch einen trockenen, langen Ramskopf mit schmaler Stirn und großen Nüstern. Die Pferde sind großrahmig, mit langen Linien und hohem Stockmaß. Wie die Achal-Tekkiner, die von ihnen abstammen, wirkten diese Pferde eher knochig und sehnig als elegant. Am ehesten ähnelt den Urpferden vermutlich der heute noch existierende portugiesische Sorraia.

    Aus den Ramskopfpferden entwickelten sich viele der heute als Dressurpferde beliebten Rassen wie der Andalusier, Lusitano und Berber, aber auch Kladruber, Lipizzaner und Nonius. Der Pferdetyp zeichnet sich durch ein viel lebhafteres Temperament als das Urpony aus; die bevorzugte Gangart ist ein runder Galopp in guter, natürlicher Beizäumung.

    In südlichen Ländern entwickelte sich daher eine nicht nur auf Nutzen, sondern auch auf Ausdruck ausgerichtete Reitkunst, die den Grundstock der heutigen Dressurlehre bildete. Auch entstand wegen der hohen, beigezäumten Kopfhaltung die Kandare als übliche Zäumung.

    Der Urvollblüter

    Im arabischen Einflussbereich hatte sich schon früh ein deutlich zierlicherer und auch kleinerer Pferdeschlag entwickelt. Der Urvollblüter oder Uraraber ähnelte dem heutigen, zierlichen ägyptischen Araber. Kennzeichnend waren und sind der sehr trockene, fein geschnittene Hechtkopf mit weiten Nüstern und großen Augen sowie ein kurzliniges, elegantes Gebäude.

    Das Temperament des Urvollblüters war extrem lebhaft; seine Bewegungen auf sehr schnelles, gerades Laufen auf Wüstenboden, aber auch in steinigem Gelände ausgerichtet. Die hohe Kopfhaltung mit wenig Beizäumung erlaubte dem Pferd einen guten Überblick, erschwerte jedoch dem Reiter die Lenkung des Tieres.

    Die Pferde lebten in kleinen Herden, deren Leben durch die stete Suche nach Gras und vor allem Wasser geprägt war. Schon früh domestizierten arabische Stämme die zierlichen Pferde, die sich sehr eng an ihre Besitzer anschlossen. Seit beinahe 2000 Jahren besteht eine Reinzucht des Arabers. Der ursprüngliche Typ existiert somit weitgehend unverändert. Darüber hinaus findet sich das Blut des Urarabers in fast allen Hauspferderassen Süd- und Mitteleuropas sowie Asiens.

    Der Ursprung aller Pferderassen

    Aus der Kreuzung der drei Urtypen entstanden bis heute rund 200 unterschiedlichste Pferderassen, vom Shetland-Pony über den Trakehner oder das Englische Vollblut bis hin zum mächtigen Shire-Horse.



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