Herdentrieb

    Aus Pferde-Lexikon

    Herdentier Pferd

    Anders als beim Hund, dem der Mensch sein Rudel ersetzt und der sich damit vollständig an menschliche Lebensweisen anpasst, "erlaubt" das Pferd seinem Besitzer den Zutritt zu seiner Welt, die in der freien Wildbahn durch die Einbindung in die Herde und die Flucht vor Fressfeinden geprägt ist.

    Die Herde des Pferds sichert diesem nicht nur die Möglichkeit sozialer Kontakte wie gegenseitiger Fellpflege durch Beknabbern. Die erste und wichtigste Aufgabe der Herde für das einzelne Pferd ist die Bereitstellung von Sicherheit. Als wenig wehrhaftes Beutetier kann das Pferd nur überleben, wenn es in ständiger Fluchtbereitschaft lebt.

    So wird man nie eine gesamte Herde gleichzeitig schlafend vorfinden. Grundsätzlich liegen nur einige Tiere, während andere stehend dösen. Nur im Liegen - im Tiefschlaf auf der Seite - "schaltet" das Pferd sämtliche Sinne kurzfristig "ab". Bereits in der Sitzhaltung, also auf dem Bauch mit untergezogenen Vor- und Hinterbeinen, nimmt das Pferd trotz geschlossener Augen und u.U. aufgestütztem Maul seine Umwelt teilweise wahr. Im Stehen dösende Pferde wirken unaufmerksam, sondieren dennoch mit ihren sich von Zeit zu Zeit bewegenden Ohren die Umgebung und sind bei ungewöhnlichen Geräuschen sofort wach. Keinem Menschen wird es gelingen, sich unbemerkt an ein dösendes Pferd heranzuschleichen.

    Der Leithengst

    Eine Sonderrolle in diesem System der "Arbeitsteilung" kommt dem Leithengst zu. Er besitzt zu jedem Zeitpunkt die Verantwortung für die gesamte Herde und liegt daher nur ausgesprochen selten und kurz. Tiefschlafphasen erlaubt er sich lediglich, wenn praktisch alle anderen Herdenmitglieder stehen und selbst sichern können.

    Ein dominantes Tier in der Herde (Alpha-Tier, üblicherweise der Leithengst) übernimmt im Fall einer drohenden oder vermeintlichen Gefahr die Organisation der Flucht. Ist sich das Alpha-Pferd über die Gefährlichkeit eines Gegenstands oder Geräuschs noch nicht im Klaren, wird es zunächst die Herde zusammentreiben - damit bei einer eventuell nötigen Flucht kein Tier "verloren geht" - und anschließend mit gespitzten Ohren, erhobenem Kopf und einem lauten, "schnorchelnden" Einatmen durch die geblähten Nüstern auf die "Gefahr" zugehen. Eine grundlose Flucht der gesamten Herde wird möglichst vermieden, da sie v.a. die Fohlen viel Energie kostet.

    Bei einer massiven Bedrohung (wie bspw. dem Auftauchen eines Raubtieres) setzt sich der Leithengst hinter die Herde und treibt sie - teilweise mit aggressiven Bissen - von der Gefahr fort. Die Richtung gibt meist die Leitstute, also die ranghöchste Stute, an; sie läuft an der Spitze der Herde.

    In Hauspferdeherden, in denen üblicherweise keine Hengste mitlaufen und die aufgrund der geringen Herdengröße nicht alle Ränge der Hierarchie "besetzen" können, nimmt meist ein Wallach die Rolle des Herdenchefs wahr. Es kann aber auch vorkommen, dass eine dominante Stute diese Position einnimmt und - in sehr kleinen Herden - gleichzeitig Leitstute und -hengst darstellt: sie treibt während der Flucht die Herde an, untersucht potenzielle Gefahren, gibt aber auch bis zu einem gewissen Grad den Tagesablauf aus Ruhen, Fressen und Saufen an.

    Pferdeherden sind jedoch, wie erst jetzt herausgefunden wurde, keineswegs rein autoritär durch Leithengst und Leitstute geführt. Besteht keine akute Bedrohung, entscheidet die Herde vielmehr gemeinsam, ob gegrast oder gedöst wird.

    Einzelhaltung ist Pferdequälerei

    Ein Pferd, das in einer Herde aufgewachsen ist und anschließend in Einzelhaltung verkauft wird, befindet sich in einem ununterbrochenen Stresszustand - eigentlich sogar in ständiger Todesangst. Selbstverständlich gewöhnt sich ein Pferd nach einer gewissen Zeit an die veränderten Lebensumstände und wird scheinbar ruhig. Die vitalen Bedürfnisse - Schlaf und Fressen - überdecken das Bedürfnis nach Pferdegesellschaft, sodass das Tier schließlich wieder beim Fressen und auch in Tiefschlafphasen zu finden sein wird. Die Fluchtbereitschaft ist dennoch dauerhaft erhöht, ein Umstand, unter dem auch der Reiter zu leiden hat: Während der Ausritte dürfte das allein gehaltene Tier wesentlich schreckhafter sein als bei einer anderen, tiergerechteren Haltungsform.



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