Hufrollenentzündung, Strahlbeinlahmheit, Podotrochlitis/Podotrochlose

    Aus Pferde-Lexikon

    Symptome

    Die Symptome einer Hufrollenentzündung sind wenig spezifisch und werden daher häufig mit anderen Lahmheitsursachen verwechselt. Das Pferd geht - je nach Grad der Entzündung - vorne unklar oder lahm. Zu Beginn der Erkrankung tritt diese Lahmheit oft nur nach dem Boxenaufenthalt auf und legt sich während der Bewegung; zuweilen ist auch nur ein wenig auffälliges Kürzertreten zu beobachten.

    Bei länger anhaltenden, unbehandelten Entzündungen entwickeln sich starke Lahmheiten, die auch nach einiger Bewegung noch zu sehen sind. Erschwerend wirkt sich auf die Diagnose aus, dass meist beide Vorderhufe betroffen sind und die Lahmheit daher von einem Tag auf den anderen "umspringen" kann. Die Schmerzhaltung im Stehen ähnelt der bei einer Hufrehe: das Pferd stellt die Vorderbeine nach vorne heraus, um sie zu entlasten. Das Auffußen geschieht jedoch nicht wie bei der Hufrehe vermehrt im Zehenbereich, sondern verstärkt über die Trachten. In engen Wendungen zeigt das Pferd stärkere Schmerzen; vermehrtes Stolpern ist möglich.

    Ursachen

    Auslöser der Schmerzen ist die Entzündung des Strahlbeinpolsters, des Schleimbeutels der Hufrolle. Die Entzündungsstoffe greifen die Oberflächenstruktur des anliegenden Strahlbeins sowie der Tiefen Beugesehne an; diese kann nicht mehr frei und ungehindert über den Knochen gleiten. Die Sehne kann dabei auffasern; der Strahlbeinknochen wird löchrig und kann anbrechen oder brechen. Auch Knochenwucherungen, mit denen der Körper den Knochen zu stabilisieren versucht, und Verwachsungen zwischen Sehne und Strahlbein sind möglich.

    Zwei Ursachenkomplexe können eine Entzündung der Hufrolle - d.h. Strahlbein, Tiefer Beugesehne und Strahlbeinpolster bzw. Hufrollen-Schleimbeutel - hervorrufen: zum einen mechanische Reizungen, wie sie durch nicht behandelte Nageltritte, Hufabszesse o.Ä. entstehen, oder Überlastungen.

    Durch Verletzungen verursachte, akute Entzündungen sind sofort stark schmerzhaft, lassen sich aber durch entsprechende Wundversorgung meist unter Kontrolle bringen.

    Chronische Entzündungen wurden früher v.a. Sportpferden, und unter diesen besonders den Springpferden zugeschrieben. Inzwischen werden auch bei Freizeitpferden immer häufiger Podotrochlosen diagnostiziert. Bei ihnen entsteht die Überlastung nicht durch das Landen nach dem Sprung, bei dem das gesamte, beschleunigte Pferde- und Reitergewicht kurzzeitig von einem Fuß getragen wird, sondern "schleichend", durch jahrelanges falsches Reiten "auf der Vorhand". Vor allem langrechteckige Pferde tragen ihr Körpergewicht und das des Reiters, sofern sie nicht entsprechend gymnastiziert werden, hauptsächlich mit der Vorderhand, die diesen Belastungen nicht gewachsen ist.

    Einschränkend muss allerdings erwähnt werden, dass neben falschem Reiten auch andere Ursachen denkbar sind. So gehen oft unreitbare, reinrassige Stuten in die Zucht, die damit ihre Veranlagung zu Hufrollenschäden vererben und oft schon vor dem ersten Anreiten an Podotrochlose erkrankende Fohlen produzieren. Drastische Fehlstellungen des Hufes und der Beine (Bockhufe, schiefe Hufe, eingezogene Trachten, Durchtrittigkeit usw.) begünstigen die Entstehung von Überlastungserscheinungen. Allgemein schlechter Knochenaufbau und mangelnde Durchblutung der Extremitäten, wie sie bei Mineralstoffmängeln, alten, aber auch viel in der Box oder gar im Ständer stehenden und mit zu kleinen Eisen beschlagenen Pferden vorkommt, zählen auch zu den Risikofaktoren.

    Behandlung

    Ist die Entzündung akut und durch eine mechanische Reizung hervorgerufen, wird der Tierarzt zunächst zu Antibiotikagaben und der Stützung durch einen Verband raten. U.U. müssen bereits angegriffene Teile der Tiefen Beugesehne entfernt werden.

    Ist die Hufrollenentzündung - die im Volksmund oft schlicht, aber falsch als "Hufrolle haben" bezeichnet wird - auf langfristige Fehl- und Überbelastungen zurückzuführen, ist der Erkrankungsprozess irreversibel. Durch Maßnahmen zur Förderung der Durchblutung - Wärme, Bewegung, entsprechende oral einzugebende Medikamente - sollen Entzündungsstoffe besser aus dem Huf abtransportiert werden. Wird das Pferd von einem Hufpfleger betreut, wird dieser - entsprechend der gegenläufigen Fußung zu Hufrehen - die Trachten möglichst hoch und den Huf damit steil stehen lassen. Orthopädische Beschläge bestehen aus hinten geschlossenen Eiereisen oder unter den normalen Beschlag gelegten Keilen.

    Nervenschnitte (Neurektomien) werden heute wesentlich seltener als noch vor wenigen Jahren durchgeführt. Dabei werden die Schmerzreize weiterleitenden Nerven entfernt. Die Ursache wird also nicht behoben, sondern es werden lediglich die Symptome ausgeschaltet. Problematisch ist dies, da auch andere wichtige Reize - wie die Bodenbeschaffenheit, aber auch andere Verletzungen - vom Pferd nicht mehr wahrgenommen werden können und so bspw. Nageltritte oder Hufabszesse oft erst bemerkt werden, wenn die Phlegmone das gesamte Bein erfasst hat. Pferde, an denen eine Neurektomie durchgeführt wurde, sind in Deutschland nicht mehr für den Turniersport zugelassen.


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