Jagdreiten

    Aus Pferde-Lexikon

    Entwicklung des Jagdreitens

    Im Pferdesport in Deutschland ist die moderne Jagdreitereikaum kaum bekannt - ganz im Gegensatz zu Großbritannien, dem "Mutterland" der Schlepp- und Treibjagden. Grundsätzlich ist das Jagen und Erlegen eines Tiers vom Pferd aus einer der ältesten Zwecke der Pferdenutzung. Schon Xenophon wies auf den vielfältigen Nutzen dieses Sports hin: "Da man sich zu Pferde auf den verschiedensten Geländen im Sitz und im Gebrauch der Waffen üben sollte, so ist als besonders gute Übung in der Reitkunst das Jagdreiten, dort wo Wild und geeignetes Gelände vorhanden sind, sehr zu empfehlen." Guérinière bildete zwar keine Jagdpferde aus, seine einhändig auf Kandare gerittenen Pferde eigneten sich dennoch hervorragend für die Jagd mit Greifvögeln, der der Adel frönte.

    In den letzten beiden Jahrhunderten wurden Jagden zunächst vor allem abgehalten, um Solaten in ihrer Sattelfestigkeit zu prüfen. Bald betrieben aber auch Zivilisten Jagdreiten als gesellschaftliches Ereignis, bei dem der Adel seinen Mut sowie seine finanzielle Lage durch den Kauf guter Jagdpferde unter Beweis stellen konnte.

    Heute ist die Jagdreiterei längst keine Domäne des Adels mehr. Dennoch wird streng darüber gewacht, dass Ausrüstung und Aufmachung des Reiter-Pferd-Paars stilistisch stimmig und dem nicht alltäglichen Ereignis angemessen sind.

    Ausrüstung und Pferde

    Ausrüstung des Jagdpferds

    Grundsätzlich wird die Ausrüstung verwendet, die auch im täglichen Umgang mit dem Pferd zum Einsatz kommt; traditionell sind dies für das Pferd v.a. ein englischer Vielseitigkeits- oder Springsattel, Trense oder Pelham sowie ein laufendes Ringmartingal. Entsprechende Schutzausrüstung an den Extremitäten ist sinnvoll. Das Pferd muss gepflegt vorgestellt werden, d.h. mit eingeflochtener Mähne und Schweif; zum Ausschlagen neigende Pferde werden durch ein rotes Band im Schweif gekennzeichnet, um zu nahes Aufreiten zu vermeiden.

    Kleidungsvorschriften

    Der Reiter hat die Kleidungsvorschriften - Reitstiefel, helle bzw. weiße Reithose, dunkles Jackett, Krawatte bzw. Plastron mit Plastronnadel und Reitkappe - zu beachten. Einen besonders ansprechenden Anblick bieten Reiterinnen, die traditionell im Reitkostüm im Damensattel starten - und damit hervorragende Sattelfestigkeit und einen ungewöhnlichen Mut beweisen. Der rote Rock, das Symbol des Jagdreiters, ist dagegen nur selten zu finden: Er wird nur von den für den geregelten Ablauf der Jagd verantwortlichen Reitern getragen sowie an besonders gute Jagdreiter verliehen.

    Die Kleidung kennzeichnet auch die einzelnen "Offiziellen" der Jagd, deren Position im Jagdfeld festgelegt ist und unbedingt beachtet werden muss.

    Der Master ist der "Leiter" der Jagd; er hat sie organisiert, ist für ihren reibungslosen Ablauf zuständig und besitzt oft auch die Hunde. Er darf nicht überholt werden.

    Der Huntsman (auch Master of Hounds) ist für die Meute verantwortlich. Mit einem kleinen Horn ruft er diese zur Ordnung; er trägt außerdem eine kurzstielige Peitsche mit langem Schlag mit sich, mit der er ungehorsame Hunde strafen kann. Der Huntsman wird in seiner Aufgabe durch mehrere Whippers-In oder Piqueure - ebenfalls mit Hetzpeitsche - unterstützt.

    Regeln im Jagdfeld

    Üblicherweise werden die Teilnehmer je nach individuellem Können und Ausbildungsstand ihres Pferds im Jagdfeld positioniert. Im vorderen Bereich besteht das Feld aus den schnellsten Reitern, die alle Sprünge nehmen. Da bei einer Schleppjagd die Strecke im Vorhinein feststeht, können Alternativen zu schwierigen Sprüngen angeboten werden; diese werden von den Reitern aus dem hinteren Feld genutzt.

    Bei Treibjagden ist die Gewährleistung sicherer Umgehungsrouten nicht möglich. Wichtig für die Sicherheit aller Teilnehmer ist es, den einmal eingenommenen Platz im Feld zu halten. Geritten wird zudem grundsätzlich mit deutlichem Sicherheitsabstand und "auf Strich", also leicht seitlich versetzt zur Spur des Vordermanns, um im Fall eines Sturzes rechtzeitig ausweichen zu können.

    Das Jagdpferd

    Die Anforderungen der Jagdreiterei - unterschiedlichstes, teilweise tiefes oder steiniges Gelände, unebene Untergründe, längere Galoppstrecken, unbedingter Gehorsam im Feld sowie Nervenstärke bei den teilweise langen Wartezeiten, bis die Meute die Spur aufgenommen hat - werden hervorragend durch die britischen bzw. irischen Hunter erfüllt.

    Dieser Pferdeschlag, der aus vielfältigen Kreuzungen entstand, besitzt eine Größe von um 1,65 m und ein stabiles, teilweise schwerfällig wirkendes Gebäude. Große Gelenke und starke Röhren sowie der eher schwere, oft ramsnasige Kopf sind typisch. Irish Hunter zeichnen sich durch große Ausdauer, Sicherheit im Sprung und absolute Nervenstärke aus.

    Grundsätzlich kann jedoch jedes Pferd an einer Jagd teilnehmen, das die oben genannten Kriterien erfüllt und eine entsprechende Ausbildung besitzt. In Deutschland sind teilweise neben den üblichen Warmblütern Araber, Shetland-Ponys und Islandpferde im Jagdfeld zu sehen.

    Schlepp- und Treibjagden

    Heute nehmen in Deutschland immer häufiger Freizeitreiter, die sonst vielleicht Western oder Gangpferde reiten, an Schleppjagden teil. Die Jagd auf lebendes Wild ist seit fast einem Jahrhundert verboten; eine Regelung, die auch Pferd und Reiter schützt, die sich so von belebten Straßen oder Stacheldrahtzäunen fern halten können. Bei der Schleppjagd wird durch ein Stück Fleisch oder Ähnliches eine Schleppspur gelegt, die in der Streckenführung auf das Können der Teilnehmer und Geländehindernisse Rücksicht nimmt. Dieser Spur folgt die Hundemeute. Abgeschlossen wird die Jagd meist durch das Halali auf einem freien Feld: Die Jagd der besten Teilnehmer nach einem an der Schulter eines Reiters befestigten Fuchsschwanz.

    Auch in Großbritannien ist - allerdings erst seit 2005 - die dort lange umstrittene Fuchstreibjagd verboten. Die Franzosen verfolgen zu Pferd auch Wildschweine. Die "Königsdisziplin" des Jagdreitens, der durch eine besonders elegante Kleidung die Ehre erwiesen wird, ist die Hirschjagd.

    Jagden auf lebendes Wild erfordern häufig viel Geduld von Pferd und Reiter, bis die Hunde die Spur aufgenommen haben. Häufig muss wieder zurückgeritten werden, weil die Spur nicht weiter verfolgt werden kann; stößt man auf für Pferde gesperrtes Privatgelände, müssen die Hunde an anderer Stelle wieder nach Wild stöbern.

    Stets aber zählt das gesellige Zusammensein beim Stelldichein - bei dem ein alkoholischer "Bügeltrunk" gereicht wird - und am Schluss der Jagd zu den Highlights des Sports.



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