Körpersprache

    Aus Pferde-Lexikon

    Das Ohrenspiel

    Auch Laien ist bekannt, dass die Ohren eines Pferds seine Stimmungen mitteilen können. Hier, wie bei allen mimischen Ausdrucksformen, ist die Intensität der Bewegungen und damit die Wahrnehmbarkeit abhängig vom individuellen Pferd, aber auch von seinem Rang in der Herde.

    Zurückgelegte Ohren

    Legt das Pferd die Ohren an, kann es aggressiv sein, aber auch schlicht müde, oder es horcht auf eine Geräuschquelle hintersich. Hier gilt es, die Ohrenstellung mit der Gesamtsituation und dem generellen Ausdruck des Pferds in Verbindung zu bringen.

    Sind die Ohren flach an den Kopf gepresst, kann davon ausgegangen werden, dass das Pferd aggressiv ist oder sich massiv gestört fühlt. Diese Position der Ohren kann beim Leitpferd beobachtet werden, während es die Herde zusammentreibt, bei rangniedrigen Pferden im Rahmen von Rangordnungskämpfen, aber auch im Umgang mit dem Menschen. Hat das Pferd schlechte Erfahrungen gemacht, kann auf das Ohrenanlegen ein Angriff, z.B. ein Biss, folgen.

    Kitzlige Pferde legen die Ohren an, wenn sie am Bauch oder Euter berührt werden, empfindliche Pferde, wenn der Gurt angezogen wird. Droht das Pferd bereits beim Auflegen des Sattels, kann es sein, dass dieser nicht passt und das Tier mit Schmerzen rechnet.

    Drohgesten

    Aggression zeigt sich außerdem durch einen hohen Muskeltonus am gesamten Körper, einen aufgerichteten oder angespannt aufgewölbten Hals und ein faltiges, zusammengezogenes Maul. Ein kurzes Vorstoßen mit dem Kopf mit leicht gebleckten Zähnen stellt eine Vorstufe des Angriffs dar; bei weniger ernsthaften Auseinandersetzungen ersetzen diese Stöße mit aufeinander gepressten Zähnen Bisse. Zu den Drohgesten gehören auch das Aufstampfen mit einem Huf oder das Heben, aber noch bewegungslose Halten eines Hinterbeins.

    Es sollte aber auch darauf geachtet werden, was den Unmut des Pferds erregt; vielleicht hat es Schmerzen (so legen Kolikpferde häufig die Ohren starr nach hinten).

    Weisen die Ohren nur ein wenig nach hinten, bewegen sich vielleicht langsam zwischen dieser und einer eher seitlichen Position hin und her, döst das Pferd vermutlich entspannt.

    Horcht das Pferd angestrengt nach hinten, weisen die Ohren u.U. ebenfalls angespannt in diese Richtung, sind jedoch nicht an den Kopf angelegt. Der Körper kann in Vorbereitung auf eine Flucht angespannt sein, der Kopf erhoben, aber der aggressive Gesichtsausdruck mit zusammengepresstem Maul fehlt. Weniger schreckhafte Pferde wenden nach einigen "Schrecksekunden" den Kopf in Richtung des Geräusches, um seine Quelle anzusehen. Ängstliche Pferde erstarren vollständig oder springen plötzlich nach vorne, um zu flüchten. Der Pferdeführer sollte sich daher nicht direkt vor dem Pferd aufhalten, v.a., wenn er es nicht gut kennt.

    Zeigen die Ohren während des Reitens locker nach hinten, ist dies ein gutes Zeichen: Das Pferd "horcht" auf die Hilfen des Reiters und erwartet dessen Anweisungen, vielleicht aber auch ein Stimmlob.

    Gespitzte Ohren

    Zeigen die Ohren nach vorne, bedeutet das Aufmerksamkeit, Neugier, Freundlichkeit. Nähert man sich einem Pferd von vorne und spricht es freundlich an, so wird es normalerweise die Ohren spitzen.

    Hängende Ohren

    Zur Seite "hängende" Ohren zeigen Entspannung, wenn das Pferd döst; sie können aber auch Ausdruck der Apathie eines unter starken Schmerzen leidenden Tiers sein. Hier gilt es wiederum, die Gesamtsituation zu betrachten und die übrigen körpersprachlichen Äußerungen des Tieres richtig zu deuten.

    Augen

    Wer sich viel mit Pferden beschäftigt, wird rasch feststellen, dass der Augenausdruck einiger Pferde beinahe ebenso vielseitig und unzweideutig ist wie der eines Menschen. Andere Pferde wiederum zeigen stets denselben Ausdruck.

    Der Zustand des Pferds teilt sich vor allem über die Form des Auges mit. Zwar gibt es individuelle Unterschiede; grundsätzlich ist das Auge eines entspannten, zufriedenen Pferds jedoch rund oder mandelförmig, ohne weißen Rand (außer bei Rassen wie Appaloosas, Knabstruppern, Criollos, Tinkern) und ohne Falten über dem Oberlid.

    Das Auge wird dreieckig, sobald das Pferd "die Stirn runzelt", also das Oberlid auf Höhe der Augenmitte nach oben zieht. Dadurch entstehen Falten darüber. Bei einigen Pferden ist dies der natürliche Ausdruck; meist weisen die Falten jedoch auf eine Anspannung oder Unsicherheit des Tieres hin. Oft weisen plötzlich auftretende Falten - ebenso wie deutlich vertiefte Löcher über den Augen - auf eine schmerzhafte Erkrankung hin.

    Aufgerissene Augen, bei denen man einen weißen Ring (Sklera) um die Pupille sehen kann, sind wie beim Menschen ein Zeichen des Erschreckens oder einer starken Anspannung. Ein Pferd, das sich auf der Flucht befindet, wird ein solches Auge zeigen.

    Maul und Nüstern

    Gerunzelte Nüstern, eine angespannte Maulpartie, eingesogene "Backen" oberhalb des Maulspaltenendes, aber auch ein Aufblasen in diesem Bereich können auf Schmerzen, eine aggressive Stimmung oder Unwillen hindeuten. Hier kann nur der Gesamtkontext Aufschluss geben. In entspanntem Zustand ist der Nüsternrand glatt und weich.

    Geweitete Nüstern sind nach körperlicher Belastung, bei Schmerzen, Angst oder mit Furcht verbundener Neugier zu sehen. Auch fremdartige Gerüche werden durch geweitete Nüstern und langes Einatmen aufgenommen. Kleine, feste Nüstern sind oft ein Schmerzzeichen.

    Schnauben

    Das häufig zu hörende Schnauben der Pferde ist in seiner Bedeutung unter Reitern umstritten. Landläufig gilt die Ansicht, es sei unter dem Sattel das Zeichen eines entspannten, zufriedenen Pferds. Dies ist insofern korrekt, als ein Pferd, das unter Stress steht, nicht lange genug einatmen kann, um genügend Luft zum Schnauben zu besitzen. Zudem muss es für diesen Vorgang den Hals lang machen und entspannt den Kopf senken.

    Letztendlich ist das Schnauben unter dem Reiter aber wohl - wie das Schnauben in der Box über frisch aufgeschüttetem Heu - nur ein "Naseputzen" des Pferds.

    Eine hängende Unterlippe ist ästhetisch wenig ansprechend und lässt das schönste Pferd wie einen alten Klepper wirken. Sie ist jedoch ein Zeichen für die vollkommene Entspannung der Muskulatur des Mauls während des Dösens und keineswegs nur bei älteren Tieren zu finden.

    Fluchthaltung

    Wer mit Pferden umgeht, muss sich ständig der Tatsache bewusst sein, dass Pferde Beute- und damit Fluchttiere sind. Alltägliche Geräusche, die der Reiter nicht einmal wahrnimmt, können Panikreaktionen bei seinem Pferd hervorrufen. Um nicht unter die Hufe des flüchtenden Tieres zu kommen, muss jeder Pferdeliebhaber erkennen können, wann ein Davonstürmen des Pferdes droht.

    Die Fluchthaltung ist geprägt durch die Konzentration mit Ohren, aufgerissenen Augen und witternden Nüstern auf das angsteinflössende Objekt oder die Geräuschquelle. Der Kopf wird hoch erhoben, um einen möglichst guten Überblick zu haben, sämtliche Hals- und Rückenmuskeln sind angespannt. Die Hinterbeine stehen eher hinter dem Körper, um ein rasches Abdrücken in den Galopp zu ermöglichen. Der Schweif ist leicht erhoben oder peitscht nervös.

    Da diese Fluchthaltung durch die extreme Kontraktion der Hals- und Rückenmuskeln im Körper bestimmte Reflexe auslöst, die die Angst und damit Fluchtneigung verstärken, sollte der Reiter oder Pferdeführer versuchen, das Pferd zum Senken des Halses zu veranlassen. Dies gelingt beispielsweise durch das Ansprechen und Ablenken, Zupfen am Halfter nach unten oder Füttern eines Leckerlis. Senkt das Pferd den Kopf, entspannen sich Hals und Rücken, und die Neigung zur panischen Flucht - wie auch die anatomische Möglichkeit dazu - wird deutlich reduziert.



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