Pferdebeurteilung

    Aus Pferde-Lexikon

    Grundsätze der Pferdebeurteilung

    So unterschiedlich die einzelnen Pferderassen auch sind und so sehr die Rassestandards variieren, so gibt es doch einige generelle Kriterien der Pferdebeurteilung.

    Der Kopf

    Der Kopf ist sicherlich für den Reiter der unwichtigste Körperteil eines Pferds, denn "auf dem Kopf reitet man nicht". Lediglich die Größe des Kopfes im Verhältnis zum Körper und insbesondere zum Hals sollte beachtet werden, wobei häufig ein grober, schwerer Kopf durch einen relativ kurzen Hals ausgeglichen wird, sodass das Gleichgewicht des Pferds erhalten bleibt. Für die Eignung als Dressur- oder Fahrpferd, das in Beizäumung (also mit gewölbtem Hals und einer kurz vor der Senkrechten stehenden Nasenlinie) arbeiten soll, ist die Stärke der Ganaschen, ihre Weite im Kehlbereich und die Leichtigkeit der Kehle wichtig. Stehen die Ganaschen eng beieinander oder ist die Kehle sehr dick, besitzt das Pferd wenig "Ganaschenfreiheit"; eine korrekte Beizäumung bei entspannter Atmung wird unmöglich.

    Welche Form der Kopf aufweist, ist häufig rassetypisch. Man unterscheidet hier zwischen

    • geradem Kopf mit geradem Profil und annähernd parallel verlaufender Nasen- und Unterkieferlinie (z.B. Englisches Vollblut),
    • Keilkopf, der ein deutliches Dreieck bildet (z.B. Quarter Horse),
    • Ramskopf mit auf der ganzen Länge konvex gewölbtem Profil (z.B. Shire Horse),
    • Ramsnase oder Elchnase mit ähnlicher Wölbung, jedoch nur im unteren Bereich des Nasenrückens (z.B. Orlow-Traber), und
    • Hechtkopf mit konkav gewölbter Stirn- und Nasenlinie (z.B. Arabisches Vollblut).

    Für den Pferdekäufer gibt der Kopf jedoch noch mehr Anhaltspunkte über die Eignung des Pferds, da sich aus dem Augenausdruck und dem Ohrenspiel viel über den Charakter des Tieres erfahren lässt.

    Der Hals

    Der Hals sollte lang und gut bemuskelt sein, wobei ein kurzer, sehr kräftiger Hals vor allem bei nordischen Ponys (Isländer, Fjord u.a.) rassetypisch ist. Die Bemuskelung hängt auch stark vom Geschlecht des Pferds ab. Stuten besitzen, vor allem wenn sie wenig geritten werden, häufig einen dünnen Hals, während Hengste den typisch muskulösen, stark gewölbten "Hengsthals" aufweisen.

    Die Form des Halses entspricht dem Verlauf der Halswirbelsäule; dieser kann auf verschiedene Weise vom Ideal abweichen:

    • Ein Hirschhals ist ein oft eher kurzer Hals mit tiefem Ansatz, der sehr hoch getragen wird. Dadurch entsteht eine konkave statt einer konvexen Wölbung der Unter- (Kehle, Luftröhre) und Oberlinie (Mähnenkamm). In dieser Haltung sind alle Muskeln des Halses angespannt; darüber hinaus verspannen sich die Rückenmuskeln und der Rücken wird nach unten gedrückt. Ein entspanntes Gehen unter Reitergewicht ist so unmöglich. Bis zu einem gewissen Grad lässt sich ein Hirschhals durch eine korrekte Dressurausbildung des Pferds korrigieren.
    • Ein Schwanenhals ähnelt im unteren Bereich der Halswirbelsäule einem Hirschhals; im Genick besteht jedoch eine umgekehrte Wölbung, sodass das Pferd scheinbar korrekt in Beizäumung geht. Da die Wölbung des Halses sich jedoch nicht einheitlich bis zum Widerrist fortsetzt, entsteht ein so genannter "Falscher Knick", der den Hals unflexibel macht.
    • Ein Speckhals ist vor allem bei Kaltblütern, zum Teil auch bei nordischen Ponys zu finden. Er ist kurz und sehr fleischig, dabei aber nicht unbedingt stark bemuskelt. Die Oberlinie ist gerundet, jedoch lediglich aufgrund des Fettes.
    • Ein kippender Mähnenkamm, wie er auch bei Eseln oft zu sehen ist, besagt nichts über die Korrektheit des Halses. Meist wird dieses Phänomen auf Fehler in der Aufzucht (zu reichhaltiges Futter für schnelles Wachstum) zurückgeführt. Neben einigen Vertretern "frühreifer" Kaltblutrassen weisen vereinzelt auch Lusitano- und Andalusierhengste diesen reinen Schönheitsfehler auf.

    Der Hals des Pferds gibt außerdem Auskunft über die Qualität seiner Ausbildung unter dem Sattel: Sind die Muskeln der Oberlinie ausgeprägt, während die Unterlinie locker und nur wenig bemuskelt ist, spricht dies für eine gute reiterliche Arbeit. Neigt das Pferd dazu, sich gegen das Gebiss bzw. die Reiterhand zu wehren, entwickelt es starke Muskeln an der Unterlinie (ausgeprägter Unterhals).

    Schulter und Brust

    Die Schulter sollte von mittlerer Schräge sein, um dem Pferd sowohl weite, raumgreifende Bewegungen wie auch eine gute Aktion (Ausmaß des Anhebens des Karpalgelenks, vor allem im Trab und Galopp) zu ermöglichen. Pferde mit flachen Schultern verfügen meist über eher flache, lange Gänge, die energiesparend und für den Reiter weich zu sitzen, aber auch wenig ausdrucksstark sind. Steile Schultern begrenzen den Raumgriff, sodass kurze, harte Gänge entstehen.

    Bei Arbeitspferden ist ein großes, stabiles Schulterblatt wichtig, da in der so genannten Kumtanspannung das Gewicht des Wagens mit der Schulter gezogen wird. Soll ein Pferd dagegen mit einem Brustblattgeschirr gefahren werden, ist eine breite Brust vorteilhaft. In dieser hat auch die Lunge ausreichend Platz zur Expansion, was bei Hochleistungspferden - vor allem bei Rennpferden - entscheidend ist. Die Breite der Brust hängt stark vom Trainingszustand des Pferds ab.

    Widerrist und Rücken

    Der Widerrist wird durch die Dornfortsätze im vorderen Bereich der Brustwirbelsäule gebildet. Während viele urtümliche Ponyrassen kaum Widerrist besitzen, wurde den Reitpferden systematisch ein langer, deutlich ausgeprägter Widerrist angezüchtet. Dadurch sitzt der Sattel fester auf dem Rücken und kann insbesondere beim Aufsteigen nicht zur Seite rutschen. Im Alter schwinden die Rückenmuskeln und der Rücken hängt zunehmend durch, wodurch häufig auch der Widerrist höher über die Rückenlinie herausragt.

    Der Rücken (über der Brustwirbelsäule) bildet die Sattellage; er sollte keine zu starke Muldung aufweisen und gerade in die Lende (Kreuzbein) übergehen. Besteht eine "Stufe" zwischen Rücken und Lende, deutet dies auf einen schwachen Rücken und häufig schwunglose Gänge hin.

    • Ein Karpfenrücken besitzt eine Aufwölbung im hinteren Bereich der Rückenwirbelsäule; dieser Mangel hat oft einen empfindlichen, verspannten Rücken zur Folge.
    • Ein Senkrücken "hängt" auf der ganzen Länge nach unten "durch". Senkrücken treten oft bei älteren Pferden, aber auch bei Pferden mit sehr langem Rücken auf. Die Belastbarkeit des Rückens ist eingeschränkt.

    Die Kruppe

    Die Kruppe sollte gut bemuskelt sein. Die Schräge hängt von der Rasse ab; üblicherweise wird eine leichte Schräge als optimal angesehen. Eine gerade Kruppe, wie sie bei Arabischen Vollblütern auftritt, behindert oft ein weites Untertreten der Hinterbeine unter den Körper. Eine sehr steile Kruppe, die beispielsweise bei einigen Kaltblutrassen zu finden ist, erleichtert das Untertreten, geht jedoch zu Lasten des Schubs, der durch ein weit hinter dem Körper abstoßendes Hinterbein entsteht.

    Eine stufenartig abfallende Kruppe ist unerwünscht; meist erweist sie sich jedoch als reiner Schönheitsfehler. Eine gespaltene Kruppe tritt vor allem bei massigen, stark bemuskelten Pferderassen auf; von hinten betracht besteht bei ihnen eine Kerbe zwischen den beiden Muskelpaketen auf dem Kreuzbein.

    Die Beine

    Die Extremitäten müssen trocken sein, das bedeutet, dass die Knochen, Sehnen und Gelenke klar zu unterscheiden sind. Schwammige Gelenke oder Verdickungen an den Röhrbeinen weisen auf eine schlechte Durchblutung oder überstandene Erkrankungen hin. Ein großer Röhrbeinumfang bedeutet stabile, belastbare Beine; ebenso große Gelenke.

    Die Vorderbeine sollten, von vorne betrachtet, parallel nebeneinander stehen und eine gerade Linie Unterarm - Karpalgelenk - Röhrbein - Fesselgelenk - Fessel - Hufachse aufweisen. Dasselbe gilt für die Hinterbeine und die Linie Unterschenkel - Sprunggelenk - Röhrbein usw.

    Bei den Beinen gibt es mehrere Fehlstellungen, die teilweise eine vermehrte Krankheitsanfälligkeit bedingen:

    • Bei einem Pferd mit breiter Brust, bei dem die Hufe eng nebeneinander stehen, spricht man von bodeneng.
    • Steht ein Pferd am Boden weiter auseinander als in den Unterarmen, steht es bodenweit.
    • Eine gerade Stellung mit nach innen gerichteter Zehenspitze ist zeheneng.
    • Zehenweit bedeutet eine Außenstellung der Hufspitze.
    • Kuhhessige Pferde besitzen eine X-Stellung der Hinterbeine, wobei die Sprunggelenke eng, die Hufe weit stehen.
    • Fassbeinig bedeutet dagegen eine O-beinige Stellung, die einen gravierenderen Fehler darstellt als Kuhhessigkeit.

    Von der Seite betrachtet bilden die Vorderbeine im Idealfall ein Lot durch Oberarm - Karpalgelenk - Röhrbein - Fesselgelenk - hinterer Hufrand.

    • Fehlerhaft sind eine vorständige und eine rückständige Stellung. Dieselben Fehler kommen bei den Hinterbeinen vor, bei denen ein Lot vom Sitzhöcker durch das Sprunggelenk - Röhrbeine - Fesselgelenk bis zum hinteren Hufrand gefällt werden sollte.
    • Sind die Vorderbeine im Karpalgelenk leicht nach vorne abgewinkelt, steht das Pferd vorbiegig; besteht ein Knick nach hinten, ist das Pferd rückbiegig.
    • Säbelbeinigkeit bedeutet, dass die Hinterbeine von der Seite betrachtet eine (umgekehrte) C-Form bilden, da der Winkel zwischen Unterschenkel und Röhrbein zu eng ist.

    Die Fesseln

    Die Fessel sollte von mittlerer Länge und Schräge sein, wobei die Fesseln der Hinterbeine meist flacher stehen als die der Vorderbeine. Die Winkelung des Hufes sollte dem der Fessel entsprechen.

    Eine kurze, steile Fessel, wie sie häufig bei Ponys zu finden ist, federt die Bewegung wenig ab und fördert so die Entstehung schwer zu sitzender Gangarten. Manchmal neigen diese Pferde vermehrt zu Erkrankungen des Bewegungsapparates; oft sind sie aber auch besonders trittsicher und wendig. Eine sehr lange Fessel, die unter anderem bei Peruanischen Pasos vorkommt, mindert die Nutzbarkeit, da sie oft durchtrittig ist, d.h. das Fesselgelenk berührt beim Belasten den Boden.

    Das Fell

    Das Fell sollte - auch im Winter - glänzend und dicht sein. Kahle Stellen und aufgerautes Fell deuten auf Hautkrankheiten (Hautpilz; Sommerekzem-Veranlagung) oder Parasitenbefall hin.

    Gesamteindruck

    Insgesamt sollte das Pferd einen harmonischen Körperbau besitzen und sich deutlich im Gleichgewicht befinden. Ein sehr unproportioniertes Gebäude führt oft zu Unsicherheit des Pferds in schwierigem Gelände. Auch viele scheinbare Widersetzlichkeiten gründen oft auf Probleme, die sich aus Gebäudefehlern und damit einer verminderten Leistungsfähigkeit des Pferds ergeben.

    Auf der anderen Seite kann immer wieder festgestellt werden, dass Pferde körperliche Mängel durch charakterliche Vorzüge ausgleichen. Dies ist allerdings nur möglich, wenn sie die geduldige Erziehung eines erfahrenen Ausbilders durchlaufen. Massive Fehler werden die Nutzbarkeit eines Pferds jedoch immer einschränken, weswegen besonders Fehlstellungen im Bereich der Extremitäten erhöhte Aufmerksamkeit zuteil werden sollte.




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