Reitsport

    Aus Pferde-Lexikon

    Die Eroberung des Pferderückens

    Seit Jahrtausenden gibt es Darstellungen von Menschen, die auf Tieren - vom Stier bis zum Tiger - sitzen: von "Reitern". Stets wurde die Position auf dem Rücken des Tiers oder Fabelwesens mit der Ausübung von Macht und der Beherrschung desselben gleichgesetzt - aber auch mit der Verschmelzung mit der Körperkraft der Bestie. Und immer faszinierte das Pferd aufgrund seiner Schnelligkeit, Trittsicherheit und Eleganz den Menschen. Früh kam der Wunsch auf, diesen muskulösen Rücken zu "besitzen" und sich von ihm aus die Welt untertan zu machen.

    Die Etrusker zähmten bereits Pferde © gavran333 - Fotolia.com

    Bis zu diesem Zeitpunkt waren zuweilen Rinder, u.U. auch Kamele als langsame und wenig wendige Reittiere genutzt worden. Ab dem 3. Jahrtausend v.Chr. wurden (zunächst wohl sehr vereinzelt) erfolgreiche Versuche unternommen, Pferde soweit zu zähmen und gehorsam zu machen, dass sie einen Reiter auf sich duldeten und sich lenken ließen. Dabei waren Reiter zunächst wohl vor allem "Fahrer"; sie lenkten vom Pferderücken aus die Tiere, die gleichzeitig die Lastschleppen zogen.

    Es wurde munter experimentiert: Einige Reitervölker nutzten ausschließlich einen Seitsitz, der dem heutigen Sitz im Damensattel geglichen haben muss; andere ahmten zunächst den Sitz auf Eseln - weit hinten auf der Kruppe - nach, zum Leidwesen der Pferde.

    Über lange Zeit blieb "fahren" und "reiten" gleichbedeutend. Dies schlug sich in der Sprache nieder: "ridan", der etymologische Ursprung des deutschen Worts "reiten", bedeutet beides; dies hat sich im Englischen bis heute gehalten (bspw. in "to ride a bike", "Fahrrad fahren").

    Das Pferd als Kriegswaffe

    Noch war das Pferd als Reittier jedoch lediglich Tragtier, das weder verfeinert dressiert noch gymnastiziert wurde. In Kämpfen und Kriegen, die eine höhere Feinabstimmung zwischen Pferd und Mensch forderten, wurden weiterhin Streitwagen, also Kutschen, eingesetzt.

    In den Steppen Eurasiens - der Mongolei, Teilen Chinas, der russischen Tundra - aber gab die Bevölkerung den wenig ertragreichen Ackerbau auf und lebte zunehmend nomadisch. Nur so konnten die Schafherden ausreichend Gras finden. Dieses knappe Gut war zwischen den Stämmen und Familien heiß umkämpft - und gestritten wurde bald zu Pferd. Die in diesen Gegenden beheimateten Rassen ähneln bis heute den Urahnen des Pferds. Im Gegensatz zu den Wagenpferden waren sie klein und kurz gebaut, aber von hoher Sprintschnelligkeit und Wendigkeit; ideale Voraussetzungen für ein flexibles Kriegspferd. Trotz ihrer geringen Größe - Stockmaß um 1,20 bis 1,30 m - erwiesen sich die Ponys darüber hinaus als so zäh, genügsam und ausdauernd, dass mit ihrer Hilfe unter dem Mongolenführer Dschingis Khan (eigentlich Temudjin, 1155-1227) ein riesiges Reich vom Chinesischen Meer bis nach Europa hinein erobert werden konnte.

    Auch in anderen Kulturen wandelte sich die Kriegsführung, von den relativ inflexiblen Kampfwagen hin zu Reiterheeren. Dabei konnte jedoch selten von der geradlinigen Entwicklung einer "Reitkunst" gesprochen werden. Die Assyrer nutzten Pferde lediglich für den Transport zum Schlachtfeld; auch andere Völker ließen Soldaten gleichzeitig als Kavallerie und, im eigentlichen Schlachtgeschehen, als Infanterie aufmarschieren. Dennoch dürfte die Beherrschung des Pferds vom Sattel aus damals weit gediehen gewesen sein: In diesen Kulturen saßen bereits - wie heute noch bei den mongolischen Nomadenstämmen - Kleinkinder auf dem Pferderücken und eigneten sich so automatisch neben extremer Sattelfestigkeit auch Kenntnisse über das Pferdeverhalten an.

    Ritter zu Pferd

    Die Einführung der gepanzerten Reiterei stellte dagegen eher einen Rückschritt in der Reiterei dar. Bereits aus dem 4. Jahrhundert n.Chr. sind Abbildungen von (zunächst wohl mit dicken Lederplatten) "gepanzerten" Reitern überliefert. Die schweren Rüstungen der für das europäische Mittelalter als typisch geltenden Ritter waren für den Einsatz auf dem Schlachtfeld dann schon kaum mehr geeignet. Tatsächlich sind die bis heute erhaltenen Rüstungen eher den barocken Turnieren zuzuordnen, die durch die Freude am spielerischen Wettkampf geprägt waren.

    Diese Metallrüstungen, bis zu mehrere Zentner schwer, ließen den Ritter weitgehend bewegungsunfähig auf seinem Streitross thronen. Aktives Reiten war kaum möglich; dies zeigen auch die martialisch wirkenden, extrem langen Sporen, die aber aufgrund der gestreckten Beinhaltung des Ritters und der Unmöglichkeit, das Kniegelenk abzuwinkeln, nötig wurden. Teilweise mussten die Reiter mit einem Seilzug auf das Pferd gehoben werden. Ein erneutes Aufsteigen nach einem Sturz im Kampf war also unmöglich.

    Auch die Pferde, die das hohe Gewicht eines ausgewachsenen Manns plus der schweren Rüstung tragen mussten, ähnelten eher heutigen leichten Kaltblütern als wendigen, schnellen Schlachtpferden. Die typische Ritterprüfung zeigt, dass Versammlung und Gymnastizierung nicht mehr verlangt wurden: Beim Lanzenreiten musste das Pferd lediglich 100 Meter geradeaus galoppieren; schnelle Wendungen und Tempowechsel waren nicht mehr nötig.

    Arbeitsreitweisen

    Bereits um diese Zeit aber hatte sich im Alltagsleben abseits der Fürstenhöfe eine andere, weit differenzierte Reiterei etabliert: die Arbeitsreitweise der Rinderhirten Südeuropas, die mit ihren durch die maurischen Berber beeinflussten, relativ kleinen Geneten die aggressiven schwarzen Stiere der iberischen Halbinsel und Südfrankreichs hüteten. Diese Pferde und die Eleganz und scheinbare Mühelosigkeit der iberischen Reiterei beeindruckte die Adligen und sie versuchten, das Pferdewissen der Hirten in eine dem Hof angemessene Reitkunst zu integrieren. In Spanien und Portugal entstanden langsam die ersten wirklichen Reitschulen für die "höfliche" Reiterei. Auch in Italien wollte man Ähnliches erreichen; die italienischen Pferde, Neapolitaner, waren jedoch kalibrige, lange Wagenpferde, die teilweise mit Gewalt in die Form des spanischen Geneten gepresst werden sollten (bspw. durch Frederigo Grisone, 1507-70).

    Die akademische Reitkunst

    Das Zentrum der "akademischen" Reitweise aber war Frankreich. Hier gründeten Ecuyers wie Antoine de Pluvinel, Salomon de la Broue und v.a. François Robichon de la Guérinière (um 1688-1751) königliche Reitschulen, die dem Adel die Feinheiten der Hohen Schule vermittelten. Aus dieser Zeit stammen auch die ersten wirklichen Reitlehren. Der Adel wurde nicht mehr "im Sattel geboren", sondern musste das Reiten lernen und bedurfte dafür klarer Anweisungen, die das mitunter fehlende Gespür für das Wesen der Tiere ausglichen.

    Die gelehrten Lektionen waren dem Alltag des zu Pferde Kämpfenden entlehnt, hatten sich aber häufig unter den Aspekten der Eleganz weiterentwickelt und wurden oft nur noch zum Vergnügen des Reiters und der Gymnastizierung und damit Gesunderhaltung des Pferds willen geritten. Diese Lektionen werden heute noch in der Spanischen Hofreitschule in Wien, die das geistige Erbe de la Guérinières angetreten hat, vorgeführt: Piaffe, Passage, Levaden und die Schulen über der Erde (Schulsprünge) wie Ballotade, Croupade und als Königsdisziplin die Kapriole - l'art pour l'art, die Kunst um der Kunst willen.

    La Guérinière wird bis heute oft zitiert und gerne als Vorreiter aller klassischen Dressur genannt. Tatsächlich besaß der in der Normandie geborene Bereiter neben einem ungewöhnlichen Gespür für Pferde, verbunden mit einem breiten Wissen über Pferdeverhalten, Anatomie und die hergebrachten Reitlehren das Talent, seine Erkenntnisse in seinem Werk "École de Cavalerie" (1733) präzise und verständlich weiterzuvermitteln. Einzigartig darf er nicht nur aufgrund seiner "Erfindung" des Schulterhereins, des gymnastizierenden Seitengangs schlechthin, gelten; auch seine Kompromisslosigkeit gegenüber schlechten, sich selbst überschätzenden Reitern sucht seinesgleichen.

    Die Weiterentwicklung der Waffentechnik veränderte auch die Reiterei: Wie so oft prägte der Krieg das Leben in Friedenszeiten. Die Erfindung der Schusswaffen machten Kämpfe mit der Blankwaffe vom Pferderücken aus überflüssig. Gleichzeitig wurde auf eine größere Distanz hin gekämpft - wodurch eine extreme Wendigkeit des Pferds nicht mehr vonnöten war -, und eine gute Ausbildung schuf auch keinen Sicherheitsvorteil mehr. Pferde wurden zu "Material", ebenso wie die reitenden Soldaten.

    Pferde im Krieg

    Im Ersten Weltkrieg, während der ersten Materialschlachten im modernen Sinne, starben neben Millionen Truppen auch Hunderttausende Pferde im Kugelhagel. Um ausreichenden Nachschub zu gewährleisten, musste eine schnelle, Gehorsam sichernde Ausbildungsmethode gefunden werden, die die vom Feld und vor der Kutsche weggeholten Pferde innerhalb kürzester Zeit für die reiterlich unerfahrenen Soldaten handhabbar machten. Abgestellt auf die langrückigen Arbeitspferde, wurden weniger Wendungen verlangt, dafür mehr Verstärkungen in den Grundgangarten. Komplizierte Schullektionen wie v.a. die Schulen über der Erde besaßen keinen praktischen Nutzen mehr und fielen weg. Lediglich das hohe Steigen - die Pesade - wurde den Pferden zuweilen noch beigebracht: Hierbei schützt der Pferdekörper den Körper des Reiters; bricht das Pferd von einer Kugel getroffen zusammen, kann der Soldat hinter dem durch den Pferdeleib gebildeten Schutzwall in Deckung gehen.

    Der moderne Reitsport

    Bis heute gilt Deutschland als führende Nation in den aus der Heeresvorschrift hervorgegangenen Dressurdisziplinen im Englischen Reitsport, der von Laien oft als "Reiten schlechthin" gesehen wird. Bis heute dürfte die deutsche Reiterei überwiegend durch die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) und die von ihr ausgerichteten Reitturniere in Dressur, Springen und Vielseitigkeit geprägt sein. Überall auf der Welt existieren aber weiterhin ursprüngliche (Arbeits-)Reitweisen wie das Westernreiten oder die Doma Vaquera, die gemeinsam mit den jeweiligen Pferderassen zunehmend auch in Mitteleuropa Verbreitung finden.




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