Springreiten

    Aus Pferde-Lexikon

    Geschichte des Springreitens

    Seit Menschen auf Pferden saßen, sahen sie sich gezwungen, Geländehindernisse in hohem Tempo zu überwinden, wollten sie nicht lange Umwege in Kauf nehmen. Pferde für den Kampf und die Jagd mussten trittsicher und mutig sein; das Überwinden von Gräben zählte zur üblichen Ausbildung.

    Riskante Sprungversuche

    Die Schwierigkeit dieser Sprünge hielt sich allerdings in Grenzen: zum einen wegen des Risikos, das ein Sturz in den den Reiter umschließenden iberischen und französischen Sätteln bedeutete, zum anderen wegen des praktizierten Reitstils. Hindernisse wurden ausgesessen genommen. Um sich auszubalancieren, neigte der Reiter seinen Oberkörper weit nach hinten und stützte sich mit nach vorne gestreckten Beinen in den Steigbügeln ab. Diese Haltung brachte meist ein hartes Ziehen am Zügel mit sich.

    Da das Pferd aufgrund des schwer einsitzenden Reiters nicht "basculieren", d.h. den Rücken aufwölben konnte, sprang es mit erhobenem Kopf und weggedrücktem Rücken in einer anatomisch vollkommen unnatürlichen Haltung. Der geringe Schwung und Bewegungsfluss führte dazu, dass die Tiere nur wenig Höhe und Weite überspringen konnten und zudem beim Aufsetzen abrupt abstoppten, sodass der Reiter leicht aus dem Sattel geschleudert wurde. Die dennoch ausgetragenen Hindernisrennen führten zu entsprechend vielen Stürzen und Verletzungen.

    Der Caprilli-Stil

    Vermutlich entwickelten schon ohne Sattel bzw. Steigbügel berittene Kulturen einen "natürlichen" Springstil. In Europa aber dauerte es mehrere Jahrhunderte, bis ein Italiener die Springschule revolutionierte: Federigo Caprilli (1868-1907). Der in seiner Schule Tor di Quinto entwickelte Vorwärtssitz bei gleichzeitiger deutlicher Entlastung des Pferderückens führte erstmals dazu, dass die Pferde nicht mehr ausschließlich unter massivem Zwang, sondern gehorsam und freiwillig sprangen. Zunächst verlacht, wurden die Vorteile diese "Affensitzes" schnell unübersehbar: Eine geringere Verweigerungsquote, seltenere Stürze, die nun überwindbaren Höhen und Weiten und das höhere Tempo durch einen aufrecht erhaltenen Bewegungsfluss überzeugten bald auch das Militär. Da das Training wie auch die Wettbewerbe zunehmend auf Reitplätzen mit nachgebenden Hindernissen stattfanden, wurden Stürze, die der Reiter mit den vorgestreckten Unterschenkeln abfangen hätte müssen, immer seltener.

    Den endgültigen Beweis für die Effizienz seiner Methode lieferte Caprilli 1902 selbst. In Turin überwand er mit seinem Wallach eine Höhe von 2,08 m; wenig später gelang ihm ein Weitsprung von 7,40 m. Dennoch dauerte es noch einige Jahre, bis auch in Deutschland die neue Methode breite Unterstützung fand.

    Die moderne Springpferde-Ausbildung

    Seither wurde der Springstil verfeinert; die Grundzüge der "Sistema Caprilli" gelten aber noch immer. Als bedeutende Weiterentwicklung kann die Vorbereitung des Springpferds durch eine umfassende, gründliche Dressurausbildung gesehen werden. Die meisten Sportpferde beherrschen heute Seitengänge und Variationen in den Gangartentempi, was ihrem Gleichgewicht und ihrer Wendigkeit in den immer enger und schneller werdenden Springparcours entscheidend zugute kommt.

    Springreiten als Turniersport

    Wie in der Dressur entwickelte sich bald nach dem Zweiten Weltkrieg in dem bis dahin militärisch geprägten Sport eine Fachszene aus spezialisierten Amateuren. Längst sind auf den internationalen Springplätzen keine überraschenden Ausnahmeerscheinungen wie das ehemalige Ackerpferd Meteor von Fritz Thiedemann mehr anzutreffen (u.a. Bronze Olympische Spiele 1952 in Helsinki, Großer Preis der Bundesrepublik 1956, Gold Olympische Spiele 1956 in Stockholm, Preis der Nationen 1957 und 1958, Europameisterschaft 1958). Die Sieger von heute sind bereits seit der Bedeckung einer Stute durch einen bestimmten Hengst geplant und werden von Anfang an entsprechend aufgezogen und trainiert.

    Pferd und Ausrüstung

    Das Springpferd

    Wie im Dressursport sind die im Springsport hauptsächlich vertretenen Pferde Warmblüter deutscher, schweizerischer oder französischer Abstammung, Halbblüter oder Englische Vollblutpferde. Üblicherweise relativ groß (von Ausnahmen wie dem französischen Rappen Jappeloupe abgesehen), müssen Springpferde korrekte Gliedmaßen mit stabilen Röhrenknochen und großen Gelenken besitzen sowie gesunde, große Hufe. Ein nicht zu kurzer Hals erleichtert das Ausbalancieren über dem Sprung, während eine weiträumige, runde Galoppade das "passende" Anreiten eines Sprungs ermöglicht.

    Ausrüstung des Springpferdes

    Die Ausrüstung des Springpferdes besteht aus einem Vielseitigkeits- oder Springsattel und einem Zaumzeug mit Reithalfter. Während in den niedrigeren Turnierklassen die Auswahl der Gebisse noch stark beschränkt wird, finden sich gerade bei internationalen Turnieren teilweise abenteuerliche, nur bedingt pferdefreundliche Zäumungen. Doch es geht auch anders: Es gibt erfolgreiche Reiter, die ihre Pferde auch in schwersten Prüfungen grundsätzlich nur mit Wassertrense und Martingal vorstellen. Vorderzeuge verhindern ein Verrutschen des Sattels; oft ist an ihnen ein Ringmartingal eingeschnallt. Schutzausrüstung an den Beinen - Bandagen, Gamaschen und Springglocken - ist üblich.

    Ausrüstung des Springreiters

    Der Reiter trägt Reitstiefel, weiße Reithosen, ein dunkles oder (in höheren Prüfungen) rotes Jackett sowie stets eine Reitkappe. Sporen sind erlaubt; Springsporen sind - aufgrund der kurz verschnallten Steigbügel und um das Pferd im Fall eines Sturzes nicht zu verletzen - deutlich kürzer als Dressursporen. Der Gebrauch einer Gerte ist erlaubt; ihre Form ist allerdings reglementiert. Die Springpeitsche besitzt statt einer Schnur an ihrem Ende eine breite "Lederklatsche" und ist deutlich kürzer als normale Reitgerten, sodass sie ausschließlich an der Schulter des Pferds angesetzt werden kann.

    Hindernisse

    Stangenhindernisse

    Gesprungen wird auf dem Springplatz, der deutlich größer ist als ein Dressurplatz und einen griffigen, gut federnden Boden besitzen sollte. Die Sprünge selbst bestehen üblicherweise aus zwei Hindernisständern, zwischen denen eine oder mehrere Stangen auf kleine "Schalen" aufliegen. Dies sichert, dass die Stangen bei einer Berührung durch das Pferd leicht herunterfallen und Reiter und Pferd nicht stürzen. Hindernisse mit nur einer Querstange sind für Pferde sehr schwer zu springen, da die Tiere sie nicht gut sehen und daher schlechter taxieren können.

    Mauern

    Das andere Extrem - "massive" Mauern, deren Klötzchen meist aus Sperrholz sind und ebenfalls leicht herunterfallen - führt ebenfalls häufig zu Verweigerungen. Da das Pferd den Untergrund, die Landungshöhe usw. hinter dem Sprung nicht sehen kann, muss es viel Routine und Vertrauen in den Reiter besitzen, um eine Mauer ohne Zögern zu überspringen.

    Sprungvarianten

    Grundsätzlich unterscheidet man Hoch-, Weit- und Hoch-Weit-Sprünge. Zu ersteren zählen alle Gatter, Ricks, Mauern und ähnlichen Sprünge. Das Hindernis besitzt nur die Breite einer Hindernisstange oder Klötzchenreihe, sodass das Pferd relativ steil nach oben ab- und damit entsprechend höher springen kann. Wassergräben stellen reine Weitsprünge dar, sofern sie nicht mit einem Rick kombiniert sind.

    Befindet sich in der Mitte des Grabens ein Hindernisaufbau, so bildet dieses Hindernis einen Hoch-Weit-Sprung, ebenso wie ein Oxer (zwei Ricks hintereinander) oder eine Triplebarre (mehrere, nach hinten ansteigende Stangen hintereinander). Hoch-Weit-Sprünge sind am schwierigsten zu überwinden, da das Pferd hier ebenfalls nur schlecht taxieren kann und im Fall eines zu steilen und damit zu kurzen Sprungs in den hinteren Stangenreihen landet.

    Kombinationen, d.h. aufeinander folgende Sprünge mit jeweils nur ein bis drei Galoppsprüngen dazwischen, sind meist zwei- oder dreifach. Bei internationalen Turnieren finden sich auch komplexe Kombinationen aus Wällen und Ricks (bspw. Aufsprung auf den Wall - Rick - Absprung über ein Rick) oder Wassergräben und Ricks oder Oxern.

    Springturniere

    Bewertung

    Die Turnierprüfungen werden wie in der Dressur in den Kategorien E, A, L, M, S sowie höheren nationalen und internationalen Klassen abgehalten. Die Platzierung wird durch die Anzahl der Stangenabwürfe und Verweigerungen entschieden; ein Abwurf wird mit vier, eine Verweigerung mit drei Fehlerpunkten bewertet. Nach der dritten Verweigerung sowie nach einem Sturz des Reiters muss das Paar den Parcours verlassen.

    Sind nach dem ersten Durchgang mehrere Reiter gleichauf, wird ein Stechen durchgeführt. Bei internationalen Springen findet dieses meist obligatorisch statt, um die Spannung für die Zuschauer zu erhöhen. Im Stechen durch einen gekürzten, teilweise mit höheren Hindernissen versehenen Parcours werden Fehler nach demselben Prinzip gewertet, zusätzlich wird die Zeit genommen. Sieger des Stechens ist der Reiter mit der geringsten Fehlerzahl; liegen mehrere Teilnehmer gleichauf, entscheidet die Zeit.

    Seltene Springprüfungen

    Früher häufig durchgeführte Wettbewerbe wie das "Kanonenspringen" - die Absolvierung einer gerade aufgestellten Reihe von Hindernissen, die mit jedem Durchgang erhöht werden, und bei denen ein Abwurf zum Ausschluss führt - sind heute nicht mehr üblich. Aus den Vereinigten Staaten wurden dafür die (noch seltenen) Hunter-Prüfungen übernommen. Hier geht es nicht um die Höhe oder Zeit des Reiter-Pferd-Paares, sondern um Harmonie, korrekten Reitstil und elegantes Springen. Positiv bewertet wird bspw., wenn die Vorderröhren über dem Sprung senkrecht und absolut parallel stehen - ein Springstil, der nur bei geringeren Höhen für das Pferd durchführbar ist.



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