Vielseitigkeitsreiten (Military)

    Aus Pferde-Lexikon

    Geschichtliche Entwicklung

    Wie die inzwischen veraltete Bezeichnung "Military" andeutet, entstammen Vielseitigkeitsprüfungen den Leistungstests der Armee für Pferd und Reiter. Zunächst wurden sie vor allem als Distanzritte, teilweise mit Sprüngen, abgehalten. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde dieser Modus geändert. Der neue Springstil der Sistema Caprilli, die zunehmende Praxis der Springausbildung im Parcours, aber auch die vielen, oft für das Pferd tödlichen Unfälle auf den Distanzritten führte zur Milderung des Geländeritts. Zum Ausgleich führte man zusätzliche Spring- und Dressurprüfungen auf dem Reitplatz ein.

    Der Schwerpunkt der Military aber blieb stets der Geländeritt. Dieser fordert heute jedoch weniger reine Schnelligkeit als vielmehr Trittsicherheit, Gehorsam und Unerschrockenheit vom Pferd sowie großen Mut und Sattelfestigkeit vom Reiter. Im Rahmen des Tierschutzes wird heute auf weiches, sicheres Geläuf und die regelmäßige tierärztliche Kontrolle geachtet.

    Pferd und Ausrüstung

    Das Vielseitigkeitspferd

    In Vielseitigkeitsprüfungen kommen heute meist relativ leichte Pferde wie Englische Vollblüter oder Halbblüter zum Einsatz, die Stehvermögen (Ausdauer), Sprungkraft und Schnelligkeit in sich vereinen. Eine einwandfreie Gesundheit, korrekte Beine und Hufe sowie große Nervenstärke sind für ein Militarypferd unverzichtbar. Der Ausbildungsweg folgt zunächst den üblichen Richtlinien für das Dressurreiten. Ist das Pferd in den Grundlektionen sicher, wird sein Springvermögen im Parcours trainiert. Erst nach erfolgter Ausbildung werden die weit schwierigeren und riskanteren Geländehindernisse in Angriff genommen.

    Ausrüstung für das Vielseitigkeitsreiten

    Für niedere Klassen reicht ein Vielseitigkeitssattel aus; mit steigendem Schwierigkeitsgrad ist der Erwerb eines Dressursattels plus eines Vielseitigkeitssattels mit Schwerpunkt Springen empfehlenswert. In den Teilprüfungen Dressur und Springen gelten die erwähnten Richtlinien bezüglich Kleidung und Ausrüstung. Die Geländeprüfung wird meist auf Wassertrense oder Pelham und mit Ringmartingal geritten. Absolut unverzichtbar sind Protektoren für die Pferdebeine sowie ein besonders sicher sitzender Militaryreithelm mit Kinnschutz für den Reiter. Empfehlenswert ist zudem eine leicht lesbare Stoppuhr am Handgelenk, um die erlaubte Zeit ausnutzen zu können.

    Da ein Hängenbleiben an den festen Hindernissen - Wälle, Holzstapel, Tore, gestapelte Strohballen, sogar Kutschen u.a. - meist dramatische Folgen hat, tragen viele Reiter ihren Pferden an der Brust, am Unterbauch und an den Beinen ein Gel auf, das ein "Entlanggleiten" am Hindernis ermöglicht.

    Vielseitigkeitsturniere

    Vielseitigkeitsturniere bestehen aus den drei Teilprüfungen Dressur, Springen und Gelände, die bei großen Veranstaltungen oft an drei aufeinander folgenden Tagen absolviert werden.

    Die Dressurprüfung

    Am ersten Tag findet die Dressurprüfung statt, deren Anforderungen unter denen in reinen Dressurwettbewerben derselben Klasse (E, A, L, M, S) liegen.

    Die Geländeprüfung

    Der Geländetest am zweiten Tag ist das Herzstück der Vielseitigkeit. Er setzt sich aus verschiedenen Elementen zusammen, die jedoch unterschiedlich ausgebaut werden können:

    • Phase A, "roads and tracks", stellt eine festgelegte Wegstrecke dar, die innerhalb einer vorgegebenen Zeit zurückgelegt werden muss. Meist ist die Zeit so bemessen, dass ein zügiger Trab ausreicht.
    • In Phase B, dem Steeplechase, wird ein Rennbahngalopp über feste Hindernisse gefordert.
    • Phase C besteht erneut aus einer Wegstrecke. Während dieser soll sich das Pferd (wiederum im Trab) erholen können, um frisch in den schwierigsten Abschnitt zu starten. Üblicherweise wird dem Pferd nach diesem Abschnitt zusätzlich eine zehnminütige Pause (mit Tierarztkontrolle) gewährt.
    • Phase D, der zentrale Prüfungsteil, ist ein als Cross Country bezeichneter Querfeldeinritt mit Hindernissen.

    Insgesamt sind beim Geländetest bis zu über 25 km zurückzulegen, davon etwa drei Kilometer auf der Rennbahn. Die Sprünge geben bei einem "Rumpler" nicht nach; sie stellen alle möglichen natürlichen, aber auch teilweise überraschende künstliche Hindernisse nach. Üblich sind Wasserein- und -aussprünge, Wälle und Gräben sowie Zäune und Hecken. Teilweise werden komplizierte Eck-Sprünge aufgebaut. Hier hat der Reiter die Wahl, diese als zwei Sprünge mit einem oder zwei Galoppsprüngen dazwischen zu reiten - und damit Zeit zu verlieren - oder schneller und riskanter über Eck zu springen.

    Verreiten, der zweite Sturz von Reiter bzw. Reiter und Pferd, das Auslassen eines Hindernisses oder das Überschreiten eines absoluten Zeitlimits führen zum Ausschluss. Die erste Verweigerung wird mit 20 Fehlerpunkten geahndet, die zweite mit 40, die dritte mit dem Ausscheiden des Paars aus dem Wettbewerb; der erste Sturz kostet 60 Fehlerpunkte.

    Streitfrage Tierschutz bei Vielseitigkeitsturnieren

    Da in den vergangenen Jahren immer wieder Pferde tödlich verunglückten - durch einen Sturz, aber auch aufgrund Überlastung -, wurde inzwischen das Reglement für Olympische Spiele geändert und die Rennbahnstrecke und ihre Hindernisse weitgehend gestrichen. Dennoch hat bis heute der Test im Gelände von allen drei Teilprüfungen die größte Bedeutung und wird deutlich schwerer gewichtet als Dressur und v.a. als das Parcoursspringen.

    Diese Bewertung ist umstritten. Sie verführt die Reiter dazu, die Geländestrecke in zu hohem Tempo zurückzulegen, da Zeitüberschreitungen mit Fehlerpunkten geahndet und die Maximalzeiten häufig recht niedrig angesetzt werden. Selbst auf den Reitstrecken ohne Hindernisse ist zu schnelles Reiten oft riskant, wenn der Untergrund bspw. aufgrund starker Regenfälle tief oder rutschig ist. Diese große Geschwindigkeit in Verbindung mit den festen Hindernissen, die bei einer Berührung nicht nachgeben und daher schnell zum Sturz führen, sind der Grund für die meisten Unfälle in der Vielseitigkeit.

    Die Springprüfung

    Der dritte Tag ist für die Springprüfung im Parcours vorgesehen. Die hier erhaltenen Fehlerpunkte werden mit denen der Dressur und des Geländeritts addiert. Die Bewertung des Springens erfolgt nicht wie bei reinen Springturnieren, sondern in 5-Fehlerpunkt-Schritten. Ein Sturz des Reiters oder von Reiter und Pferd führt nicht zum Ausschluss; die dritte Verweigerung sowie ein Verreiten im Parcours jedoch schon.

    Der Teilnehmer, der nach allen drei Teilprüfungen die geringste Punktzahl besitzt, gewinnt.



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