Der erste Tag als Pferdebesitzer

    Aus Pferde-Lexikon

    Der Vertrag ist unterschrieben und das Pferd wurde in den Stall geliefert, in dem man eine Box oder einen Offenstallplatz gemietet hat. Um einen guten Start in eine vertrauensvolle Partnerschaft mit dem eigenen Pferd zu haben, sollten nun einige Regeln beachtet werden.

    Zum einen ist nichts verständlicher als der Stolz auf das eigene Pferd und der Wunsch, Lob und vielleicht ein wenig Neid seiner Reiterfreunde zu ernten. Im Sinne des Tieres sollte man jedoch darauf verzichten, den ersten Tag im neuen Stall mit "Besichtigungsterminen" zu belegen. Auch die Ansammlung von "Besuchergruppen" vor der Box wird das Pferd nur verängstigen.

    Idealerweise wird das Pferd zunächst allein in eine Box oder auf einen Paddock gestellt, von dem aus es Sicht- oder Schnupperkontakt mit anderen Pferden hat. Heu und Wasser werden frei zur Verfügung gestellt. Am besten lässt man das Tier anschließend weitgehend in Ruhe, damit es sich langsam vom Transport erholen und sich an die neue Umgebung gewöhnen kann. Lediglich der neue Besitzer sollte immer wieder vorbeisehen, um zum einen ein Ruhigbleiben des Tiers sicherzustellen, zum anderen, um sich ihm möglichst rasch vertraut zu machen. Nach einigen Stunden kann man das Pferd - sofern es nicht mehr verängstigt wirkt - aus der Box nehmen und striegeln.

    Andere Aktivitäten sollten in den ersten Tagen unterbleiben, vor allem sollte der stolze Pferdebesitzer seinem Tier eine mehrtägige Reitpause gönnen. Dies geschieht auch in seinem eigenen Interesse: Das verunsicherte Tier wird stärker zum Scheuen neigen als in einer gewohnten Umgebung und kann damit sich selbst, seinen Reiter und Passanten in Gefahr bringen. Eine gute Basis im Verhältnis zum Pferd wird dagegen geschaffen, wenn der Reiter täglich mit dem Pferd spazieren geht und es an der Hand grasen lässt, sodass es positive Erfahrungen mit "seinem" Menschen verbindet.

    In die Herde sollte das Pferd direkt nach dem Umzug noch nicht gestellt werden. Zum einen bedeutet die Umstellung erheblichen Stress für das Tier, sodass es gegenüber Ansteckungskrankheiten weit anfälliger ist als normal; außerdem könnte es selbst aus seinem alten Stall Erreger eingeschleppt haben. Zum anderen wird das Pferd aufgrund der zahlreichen neuen Eindrücke und der Erschöpfung nach dem Transport Probleme haben, an Rangordnungskämpfen teilzunehmen. Bewährt hat sich der Sichtkontakt mit der neuen Herde über mehrere Tage und anschließend, wiederum für mindestens eine Woche, die Haltung in aneinander grenzenden Weiden oder Paddocks. Man kann auch ein erprobterweise freundliches Tier zu dem Neuankömmling stellen, damit dieser später in der Herde bereits einen "Freund" besitzt.

    Bezüglich der Fütterung ist es unbedingt empfehlenswert, sich beim Vorbesitzer über die bisherige Praxis zu informieren und eventuelle Futterumstellungen sehr langsam vorzunehmen. Dies bedeutet u.U. den Erwerb von Futter vom Vorbesitzer, das über mehrere Wochen hinweg zunehmend mit dem im neuen Stall üblichen Kraftfutter gemischt wird. Pferde, die bislang ohne Futterstroh lebten, können sich an diesem bis zu einer Kolik überfressen; weidelos gehaltene Tiere müssen langsam angeweidet werden, um Hufrehen und Koliken auszuschließen.

    Auch bezüglich des Arbeitspensums sollte man sich beim Vorbesitzer erkundigen. Stand das Pferd bislang im Hochleistungstraining, hat eine plötzliche Ruhepause negative gesundheitliche Auswirkungen. Hier kann man mit intensivem Longieren oder Freilaufen in der Reithalle abhelfen. Pferde, die aus einem Offenstall in Boxenhaltung umgestellt werden, leiden oft ebenfalls unter dem Bewegungsmangel, der entsprechend ausgeglichen werden muss.

    Grundsätzlich gilt, sich am psychischen Zustand des Vierbeiners zu orientieren. Die Toleranz von Veränderungen im Lebensumfeld ist individuell extrem verschieden. Während einige Tiere wochenlang mit Angst auf jedes neue Geräusch reagieren, scheinen sich andere über die Abwechslung eher zu freuen und neugierig alles Ungewohnte untersuchen zu wollen. Schreckhaftigkeit in der ersten Zeit nach der Umstellung sagt dabei nichts über den generellen Charakter des Pferds aus. Entsprechend muss man bestimmten Tieren deutlich mehr Zeit geben, um sich an ihr neues Leben anzupassen - und damit psychisch wieder zu dem Pferd zu werden, das man erworben hat.



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