Distanzreiten

    Aus Pferde-Lexikon

    Historische Entwicklung

    Das Distanzreiten stellt keine eigene Reitweise dar, hat sich aber in den letzten Jahren zu einer immer beliebteren und immer professioneller betriebenen Wettkampfdisziplin entwickelt. Ursprünglich wurden schnelle Ritte über große Distanzen jedoch aus reiner Notwendigkeit durchgeführt. Legendär wurde bspw. der amerikanische Pony-Express. Bei derartigen Aufgaben konnte jedoch durch die Einrichtung von Pferdestationen (ähnlich dem Postkutschensystem) auf Reservepferde zurückgegriffen werden.

    Mit ein und demselben Pferd wurden Distanzen meist im Rahmen von Wetten oder Wettbewerben zurückgelegt. Unglaubliche Ausdauerleistungen in hohem Tempo sind dabei vor allem von russischen und mongolischen Pferden bekannt. In Europa führte man Distanzritte Ende des 19. Jahrhunderts vor allem im Rahmen militärischer Ausdauertests durch - teilweise mit dramatischen Folgen: Von den gestarteten Pferden erreichte oft nur die Hälfte das Ziel; zahlreiche starben auf der Strecke an Überforderung. Sowohl Tierschützer als auch das Militär, dem wertvolle Pferde verloren gingen, protestierten bald und erwirkten eine Milderung der Wettkampfanforderungen.

    Moderne Wettbewerbe

    Heute sind Todesfälle und schwere Schädigungen der Pferdegesundheit bei Distanzritten praktisch ausgeschlossen. Das Pferd ist nicht mehr lediglich Transportmittel - es ist ein Hochleistungsathlet, dem entsprechendes Training, Fütterung und Pflege zustehen. Noch mehr als in früheren Zeiten wird so der Distanzritt zur Prüfung der Kondition des Reiters, der oft lange Strecken neben dem Pferd herläuft, um dieses zu schonen. Ob die Passion für den Distanzsport groß genug ist, zeigt sich schon im Vorfeld. Die Wettkampfvorbereitung besteht in oft monatelangem, mehrmals wöchentlichem Training, in dem bereits alle Werte des Pferds regelmäßig zu kontrollieren sind - dies fordert viel Engagement und vor allem Zeit vom Reiter.

    Bei den heutigen Wettkämpfen werden Distanzen ab 30 oder 40 Kilometern in möglichst geringer Zeit zurückgelegt. Die üblichsten Streckenlängen sind 80 und 100 Kilometer bzw. 160 Kilometer. Letztere - die so genannten Hundertmeiler - werden in einer reinen Reitzeit von zehn bis zwölf Stunden zurückgelegt. Unterwegs muss das Pferd eine festgelegte Zahl so genannter Vet Checks durchlaufen, in denen Puls-, Atmungs- und Körpertemperaturwerte genommen werden. Liegen diese nicht unter einer vorgeschriebenen Obergrenze, muss das Pferd eine verlängerte Pause einhalten - die auf Kosten der Gesamtzeit geht - oder wird vollständig aus dem Rennen genommen. Letzteres gilt automatisch auch bei lahmenden oder dehydrierten Pferden.

    Das Distanzpferd, ein Hochleistungssportler

    Um einen guten Gesamtzustand und niedrige PAT-Werte zu erhalten, reist mit Distanzreitern meist eine ganze Gruppe von Helfern, die das Pferd in den angeordneten Pausen tränken, abschwammen, absatteln oder grasen lassen. In Deutschland lässt es sich nicht vermeiden, dass oft längere Strecken auf Teer oder Schotterwegen zurückgelegt werden, ein korrekter Beschlag ist also unabdingbar. Alle Ausrüstung muss unter den Aspekten der Haltbarkeit, des geringen Gewichts und der Passform ausgewählt werden; ein auf dem schweißnassen Fell scheuernder Riemen kann bereits das Aus bedeuten.

    Grundsätzlich sind alle Pferderassen (v.a. für kürzere Distanzen) geeignet; für längere Ritte werden häufig Pferde mit Vollblutanteil gewählt, die zum einen viel Laufwillen besitzen, zum anderen groß genug sind, um keine Probleme mit dem Reitergewicht zu haben. Arabische Vollblüter laufen ebenso erfolgreich Rennen wie Englische Vollblutkreuzungen und russische Pferde wie Tersker, Achal Tekkiner oder Karbardiner.

    In den USA, wo der Distanzsport eine große Fangemeinde besitzt, kommen zudem häufig größere Maultiere zum Einsatz, die als sehr zäh gelten. Vor einigen Jahren nahm versuchsweise eine Reitergruppe auf Islandpferden am größten amerikanischen Rennen, das über mehrere Wochen in weiten Bereichen auf den historischen Pony-Express-Routen verläuft, teil - mit erstaunlichen Erfolgen. In derartigen Rennen ist meist das Mitführen eines zweiten Pferds als Handpferd erlaubt, auf das "umgestiegen" werden kann.

    Ride'n'Tie

    Diese Variante der möglichst schnellen Distanzbewältigung ist für das Pferd wesentlich weniger anstrengend als die "normalen" Distanzritte - dafür stellt es hohe Anforderungen an die Kondition der (in diesem Fall zwei) Reiter. Ein Reiter startet mit dem Pferd und bindet es am ersten Tie Point an; der zweite Teilnehmer, der bis zu diesem Punkt läuft, übernimmt es, während der erste Reiter bis zum nächsten Kontrollpunkt joggt.

    Orientierungsritt

    Eine noch wenig bekannte Wettkampfdisziplin, der Orientierungsritt, kann als "kleiner Distanzritt" angesehen werden. Hier geht es allerdings nicht (nur) um die Geschwindigkeit von Pferd und Reiter auf einer bestimmten Strecke, sondern auch um die Fähigkeiten des Reiters im Umgang mit Karte und Kompass. Er muss anhand von Geländemerkmalen und mithilfe der Himmelsrichtungen in unbekanntem Gelände verschiedene Kontrollpunkte finden. Je schneller ihm dies gelingt, desto besser wird er bewertet; in diese Wertung fließen allerdings oft auch noch die erreichten Punktzahlen aus der Absolvierung von Trail- und Geländehindernissen ein.



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