Englischsättel

    Aus Pferde-Lexikon

    Der Englischsattel - ein Jagdsattel

    Der flache Sattel aus England, der dem Reiter zwar viel Freiheit ließ, aber nach herkömmlichen Standards auch wenig Sicherheit bot (ohne die zuvor üblichen Galerien vorne und hinten), war zunächst für Querfeldeinrennen und Jagden entwickelt worden. Durch den flachen Sitz bot er dem Reiter die Möglichkeit, sich im Fall des Sturzes schnell aus dem Sattel und damit der Reichweite der schlagenden Pferdehufe entfernen zu können. Darüber hinaus erlaubte das geringere Gewicht den Pferden ausdauernderes und schnelleres Galoppieren.

    Das heutige Argument, das gegen die Benutzung von Western- oder iberischen Sätteln verwendet wird - die Unmöglichkeit, in ihnen einen korrekten Springsitz einzunehmen - zählte zu Beginn noch nicht: Damals wurde noch nicht im Caprilli-Stil gesprungen.

    Der einfache englische Flachsattel hat sich seit den Zeiten Bauchers kaum verändert. Noch immer zeichnet er sich durch seine schmucklose Schlichtheit, seinen vergleichsweise geringen Komfort für den Reiter auf langen Ritten sowie durch seine relativ kleine Auflagefläche aus.

    Dennoch entwickelte sich der Englischsattel in Mitteleuropa zum Erfolgsmodell dank seiner perfekten Eignung für das Dressur- und Springreiten.

    Vorteil: Gewicht

    Einer der Vorteile des Englischsattels besteht aus seinem vergleichsweise geringen Gewicht. Wo Westernsättel bis zu 20 kg auf den Pferderücken bringen, wiegen englische Sättel meist zwischen sechs und zehn Kilogramm; Kunststoffversionen bleiben teilweise sogar unter der Fünf-Kilogramm-Marke. Von Bedeutung ist das Sattelgewicht jedoch v.a. für den Reiter, der den Sattel auf ein mitunter "riesiges" Warmblut heben muss.

    Vorteil: Anpassung

    Ein weiterer Vorteil ist die relativ unproblematische Anpassung an verschiedene Pferde. Durch das Umpolstern der Sattelkissen - ein guter Sattler wird dies nur nach Begutachtung von Pferd und Sattel vornehmen! - kann jedoch bspw. ein Muskelauf- oder -abbau nach einer Trainingsumstellung ausgeglichen werden oder der Sattel einem anderen Pferd ähnlichen Typs exakt angepasst werden.

    Dabei gilt zu beachten, dass der Baum selbst nicht verändert werden kann; eine deutlich breitere oder schmalere Schulter setzt den Kauf eines neuen Sattels voraus. Einige moderne Sättel bieten jedoch weitere Verstellmöglichkeiten wie luftgefüllte Sattelkissen, deren Passform durch den Luftdruck reguliert wird, oder komplett austauschbare Kopfeisen (v.a. bei Kunststoffsätteln), sodass durch wenige Handgriffe der Sattel auch an sehr viel rundere oder schmalere Pferde angepasst werden kann.

    Nicht zuletzt wird derjenige einen Englischsattel aus der Vielzahl der Modelle auswählen, der sportlich reiten möchten. Bei Spring-, Dressur- und Vielseitigkeitsprüfungen ist ein entsprechender englischer Sattel Pflicht; sogar bei einer Westernprüfung ("Hunter under saddle") findet er, ebenso wie bei Doma Classica-Prüfungen, Verwendung. Auf Distanzritten oder beim Wanderreiten kommt er aufgrund der geringen Auflagefläche und Bequemlichkeit für Pferd und Reiter dagegen selten zum Einsatz.

    Konzipiert für den Sport

    Dies sagt etwas über das entscheidende Merkmal des Englischsattels aus. Er wurde als Sportsattel konzipiert und ist entsprechend nur für eine kurze, aber bewegungsintensive Nutzung vorgesehen. Die Auflageflächen links und rechts der Wirbelsäule sind relativ klein und nicht, wie bspw. bei spanischen Sätteln, zusätzlich nach unten verlängert. Die Polster sollen eine Schonung der Rückenmuskulatur soweit gewährleisten, dass lediglich eine dünne (teilweise auch gar keine) Satteldecke verwendet werden muss.

    Im Unterschied zu einem Westernsattel mit seiner großen Auflage und dem dicken Sattelpad sitzt der Reiter dadurch sehr nah am Pferd und ebenso wie das Pferd die geringsten Gewichtshilfen des Reiters spürt, kann ein versierter Reiter die Bewegungen der einzelnen Rückenmuskeln durch den Sattel erfühlen.

    Doch Englischsattel ist nicht gleich Englischsattel. Der ursprüngliche kleine Jagdsattel wurde entsprechend der Ausbildung der unterschiedlichen Turnierdisziplinen weiter spezialisiert.

    Satteltypen

    Dressursattel

    Der Dressursattel besitzt lange Pauschen und Sattelblätter, um das beim Dressurreiten lang herabhängende Reiterbein gegen Pferdeschweiß zu schützen. Bei teuren Dressursätteln ist das Sattelblatt dafür einfach (statt des üblichen doppelten Blatts), um den Reiter so nahe wie möglich am Pferd sitzen zu lassen und dadurch die Effektivität feinster Hilfen zu gewährleisten.

    Dem selben Zweck dient die spezielle Gurtung: Die Gurtstrupfen sind sehr lang, sodass ein Kurzgurt (45-65 cm) verwendet werden kann. Die Verschnallung kommt hinter dem Ellbogen des Pferds zu liegen; die übliche Verschnallung des Gurts unter dem Sattelblatt würde wiederum zuviel Abstand zwischen Pferd und Reiter schaffen.

    Der Sitz des Dressursattels ist traditionell eher tief, sodass der Reiter automatisch und relativ unverrückbar an einer Stelle (ungefähr zwischen dem zweiten und letzten Drittel der Sitzfläche) sitzt. Die Aufhängung der Steigbügelriemen ist gegenüber einem Spring- oder Vielseitigkeitssattel zurückverlegt, was den Reiter ebenfalls beim Einnehmen einer korrekten Sitzposition unterstützt. Zusätzlich besitzen moderne Dressursättel teilweise bis zu 15 cm dicke, wulstige Pauschen, die das Bein des Reiter nach hinten "zwingen". Vor allem Synthetiksättel bieten oft die Möglichkeit, durch das Anschrauben oder -kletten unterschiedlicher Pauschenblocks zwischen den beiden Sattelblättern die Dicke und Lage der Pauschen zu verändern und an den jeweiligen Reiter anzupassen.

    Springsattel

    Der Springsattel ist der am stärksten auf die Ausübung eines bestimmten Reitstils zugeschnittene Typ des Sportsattels. Sein Kennzeichen sind die stark nach vorne geschnittenen Pauschen und kurzen Sattelblätter. Dadurch wird dem Springreiter ein Sitz mit kurzen Bügelriemen ermöglicht, der ein "Aufstehen" im Sattel erleichtert und so erlaubt, den Pferderücken über dem Sprung optimal freizugeben. Zu diesem Zweck ist die Sitzfläche auch sehr flach. Für den Freizeitreiter, der auch längere Strecken im Schritt reitet, ist ein Springsattel daher nicht zu empfehlen: Die kurzen Bügel lassen das Bein schnell ermüden; schnallt man sie länger, schneidet die Unterkante des kurzen Sattelblatts oft unangenehm in den Unterschenkel. Zudem bietet der flache Sitz wenig Sicherheit.

    Vielseitigkeitssattel

    Der Vielseitigkeitssattel stellt die "Goldene Mitte" zwischen den beiden vorgenannten Typen dar. Das Sattel hat eine mitteltiefe Sitzfläche, mäßig vorgeschnittene und gewölbte Pauschen und ein Sattelblatt von mittlerer Länge. Für den Hochleistungssport nicht spezialisiert genug, kann der Vielseitigkeitssattel - dessen Name sich nicht nur auf die Wettkampfdisziplin, sondern durchaus auch auf seine vielfältigen Verwendungsmöglichten bezieht - für praktisch jede Form des Reitens genutzt werden: Dressur- wie Springreiten in den niedereren Klassen, die Grundausbildung des Pferds und die Festigung eines stabilen und gleichzeitig flexiblen Sitzes des Reiters, Ausritte und - bei umsichtiger Kontrolle und Polsterung - sogar für Wanderritte mit wenig Gepäck.

    Heute werden die meisten Vielseitigkeitssättel mit einem Sportschwerpunkt angeboten: Vielseitigkeit-Dressur (VSD) und Vielseitigkeit-Springen (VSS). Für den Freizeitreiter empfehlen sich wegen des tieferen Sitzes und längeren Sattelblatts grundsätzlich die VSD-Varianten.

    Trachtensättel

    Dies sind Englischsättel mit nach hinten verlängerten Auflageflächen. Für den Sport ungeeignet (beim Springen bspw. könnten die Trachten das Pferd im Nierenbereich verletzen) und daher nicht zugelassen, stellen sie für den Freizeitreiter oft eine hervorragende Wahl dar. Die großen Auflagen schonen den Pferderücken und ermöglichen durch die Anbringung zahlreicher Ringe zudem das Verschnallen von Satteltaschen, die - pferdefreundlich - auf den Trachten und nicht auf der Wirbelsäule des Tieres zu liegen kommen. Die Form des Sattelblatts variiert und kann sowohl einem Spring- wie auch Dressursattel gleichen; man sollte auch hier auf die Merkmale eines guten Vielseitigkeitssattels achten.

    Töltsattel

    Eine Besonderheit bilden die bei Gangpferden - vor allem Islandpferden - Verwendung findenden Töltsättel, die oft einen deutlich nach hinten verlegten Schwerpunkt besitzen, um die Hinterhand vermehrt zu be- und die Vorderbeine zur Sicherung einer hohen Aktion zu entlasten.

    Armeesattel

    Eine weitere Sonderform stellen die während der Weltkriege verwendeten Militär- oder Armeesättel dar. Aufgrund der guten handwerklichen Qualität und der unkomplizierten Austauschbarkeit defekter Teile sind bis heute zahlreiche (v.a. deutsche und Schweizer) Originale im Umlauf; es werden aber auch Nachbildungen angeboten, deren Qualität leider häufig zu wünschen übrig lässt. Grundsätzlich für Freizeit-, Distanz- und Wanderreiter zu empfehlen, bereiten die auf einen bestimmten Pferdetyp zugeschnittenen Sättel sowohl bei kleinen und zierlichen Pferden wie bei solchen mit der Tendenz zum Senkrücken Probleme.

    Sattelzubehör

    Das Zubehör des Englischsattels ist ebenfalls auf Sportzwecke zugeschnitten. Die schmalen Bügelriemen, die üblicherweise über dem oberen Sattelblatt liegen, setzen das Reiten mit Reitstiefeln und einer Reithose mit Lederbesatz voraus, da sonst die empfindliche Haut der Ober- und Unterschenkel leicht gequetscht werden kann. Die Steigbügel aus rostfreiem Stahl sind relativ leicht; die mit einer Gummiauflage ausgestattete Trittfläche ist schmal. Als Gurte finden meist Schnuren-, Leder- oder Neoprenvarianten Verwendung.

    Vorderzeuge können vor allem bei Spring- und Vielseitigkeitspferden oder beim Einsatz in hügeligem Gelände angezeigt sein; Schweifriemen werden häufig bei runden oder überbauten Pferden verwendet, da der Sattel sonst zu stark nach vorne auf die Schulter rutscht. Tritt dieses Problem im Dressursport auf, wird meist auf einen Vorgurt zurückgegriffen, der vor dem Sattel und dem eigentlichen Sattelgurt liegt und den Abstand zur Schulter sichert.

    Damensättel

    Die gängigsten Damensattelmodelle entstammen dem englischen Sprachraum, weshalb sie an dieser Stelle Erwähnung finden sollen; grundsätzlich gibt es aber in allen Reitkulturen für den Seitsitz konstruierte Sättel (darunter Vaquera- und Western-Damensättel).

    Damensättel besitzen einen sehr flachen, breiten Sitz und auf der linken Seite ein großes Sattelblatt ohne Pausche. Die ebenfalls links angebrachten Hörner können unterschiedlich geformt sein, je nach Reitweise. Üblich sind zwei breite Hörner, von denen eines nach oben gebogen ist und so den rechten Oberschenkel stützt, während das andere, beweglich gelagerte, durch das Andrücken des linken Oberschenkels dem gesamten Sitz Sicherheit verleiht. Bei einigen Sätteln umschließt ein drittes, kleineres Horn den rechten Oberschenkel von oben. Dies birgt jedoch einige Risiken, da sich die Reiterin im Fall eines Sturzes nur schwer aus dem Sattel befreien kann.

    Das rechte Sattelblatt ist nur rudimentär vorhanden und deckt lediglich die Verschnallung des Sattelgurts ab. Dieser muss breit aufliegen und stabil sein, um ein Verrutschen des Sattels zu verhindern. Zu diesem Zweck existiert außerdem ein zweiter Balancegurt, der weiter hinten angebracht ist und nach schräg vorwärts-unten zum vorderen Gurt verläuft. Das große Sattelblatt wird teilweise durch einen weiteren Riemen gesichert.

    Aufgrund der unvermeidbar leicht einseitigen Belastung muss darauf geachtet werden, dass ein Damensattel hervorragend passt und Widerrist und Wirbelsäule des Pferds weiträumig frei hält. Der Sattel selbst ist gepolstert; eine weitere Polsterung in Form einer dicken Schabracke oder eines Pads empfiehlt sich jedoch.



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