Fluchtinstinkt

    Aus Pferde-Lexikon

    Ängstlichkeit ist lebenswichtig

    Das Pferd ist als - relativ schlecht sehendes - Beutetier darauf ausgerichtet, jedes unbekannte Objekt zunächst als potenzielle Gefahr einzustufen. Da Pferde trotz ihrer Hufe und Zähne gegenüber Raubtieren nur wenig wehrhaft sind, liegt ihre einzige Sicherheit in der Flucht.

    Was in der freien Wildbahn überlebenswichtig ist, kann unter dem Sattel jedoch zum Problem werden - vor allem, wenn die nächste Straße nicht mehr weit entfernt ist.

    Rassetypische Schreckhaftigkeit

    Die Schreckhaftigkeit und Scheuneigung ist von Rasse zu Rasse sowie von Pferd zu Pferd unterschiedlich. Rassen, die auf Schnelligkeit gezüchtet wurden, wie Araber und Englische Vollblüter, neigen üblicherweise eher zu einer übereilten Flucht.

    Andere Pferderassen spezialisierten sich auf eine bestimmte Geländeform wie Gebirge (Karabach) oder Sumpfgebiete (Camargue-Pferd). Sie zeigen nur wenig Fluchtinstinkt, da blindes Loslaufen in diesen Regionen lebensgefährlich wäre. Diese Pferde neigen bei einem Erschrecken eher zu "Einfrieren", einem unbeweglichen, angespannten Stehen mit hochgerissenem Kopf (siehe Fluchthaltung). Viele schwerere Ponyrassen besitzen gute Nerven und erschrecken nur selten; häufige Flucht kostet bei kargem Futter zu viel lebenswichtige Energie.

    Nervenstärke ist Haltungssache

    Neben rassetypischen Verhaltensweisen nehmen aber auch individuelle Faktoren Einfluss auf die Scheuneigung von Pferden. Generell kann davon ausgegangen werden, dass Tiere aus Boxenhaltung, die nur wenig Kontakt mit der Umwelt haben und zudem häufig unter Bewegungsmangel leiden, leichter mit einem Satz zur Seite oder auch blindem Losstürmen auf fremde Reize reagieren. Die fehlende Gewöhnung an alltägliche Reize sind häufig der wahre Auslöser, wenn ein Pferd "vom Hafer gestochen" wird. Darüber hinaus kann das Pferd in der Box seiner Fluchtneigung nicht nachkommen und sich auch bei bedrohlichen Geräuschen nicht in Sicherheit bringen. Im Laufe des Tages wird so mehrmals Adrenalin ausgeschüttet, um ein Fluchtverhalten einzuleiten, das nicht folgt: Das Pferd steht unter Stress. Dieser muss in den raren Zeiten außerhalb der Box abreagiert werden.

    Pferde hingegen, die in Gruppenhaltung auf abwechslungsreichen Weiden aufwachsen und verbleiben und äußere Reize bspw. in Form einer vorbeiführenden Straße oder Bahnlinie aufnehmen können, sind nervlich normalerweise stabiler und ruhiger.

    Nervenstärke ist Ausbildungssache

    Neben einer artgerechten Haltung trägt eine sorgfältige Ausbildung deutlich zum Abbau von Schreckhaftigkeit und damit zur Sicherheit von Reiter und Pferd bei. Je nach Reitweise nimmt die "Desensibilisierung" einen unterschiedlichen Stellenwert im Prozess des Einreitens ein; beim Westernreiten bspw. ist das "Aussacken" (das Anbringen von Tüten und Planen am Sattel) oft fester Bestandteil der Erziehung.

    Dennoch sollte bedacht werden, dass die Flucht in der Natur des Pferds liegt und damit nie vollständig abtrainiert werden kann. Selbst bei nervenstarken Pferden sollte man daher immer mit einem plötzlichen Erschrecken rechnen.



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